Hinter Vlora steigt die Straße in Kehren durch den Pinienwald, und auf einmal hängen Wolkenfetzen zwischen den Stämmen. Oben auf dem Llogara-Pass, gut tausend Meter über dem Meer, riecht die Luft nach Harz und kaltem Stein. Wer hier aussteigt, steht mit einem Bein im Gebirge. Mit dem anderen fast schon am Strand: Senkrecht unter der Passhöhe liegt das Ionische Meer, ein Band aus Türkis und Tiefblau, am Horizont die Umrisse von Korfu.
Genau an diesem Punkt beginnt für die meisten die Ratlosigkeit. Wo unten anfangen, wo übernachten, wie viele Tage einplanen, welche Buchten lohnen den Umweg? Die albanische Riviera ist kurz genug für einen Tag und reich genug für zwei Wochen. Diese Übersicht ordnet die Rundreise entlang der Küste, von Vlora im Norden bis Ksamil an der griechischen Grenze.
Warum die Riviera erst hinter dem Pass beginnt
Der Begriff albanische Riviera meint nicht die ganze albanische Küste, sondern nur ihr südliches Stück. Nördlich von Vlora liegt die flache Adria mit breiten Sandstränden und Hotelzeilen. Südlich davon schiebt sich das Ceraunische Gebirge bis ans Wasser, und die Adria wird zum Ionischen Meer. Steilküste statt Ebene, Kies- und Felsbuchten statt endloser Sandbänder, Bergdörfer über dem Wasser statt Strandpromenaden.
Diese Geografie erklärt auch, warum sich die Region so gut als Route fahren lässt. Es gibt im Wesentlichen eine Küstenstraße, die sich zwischen Bergflanke und Meer entlangzieht. Alle Orte liegen an ihr oder wenige Minuten abseits. Man muss also nichts verpassen fürchten, sondern nur entscheiden, wo man anhält und wo man bleibt. Die Rundreise plant sich wie eine Perlenkette, ein Ort nach dem anderen.
Die Route: eine Straße, kein Umweg
Die Logik der Strecke ist einfach. Start in Vlora, dann hinauf in den Llogara-Nationalpark mit seinen Schwarzkiefern und dem Pass als erstem Höhepunkt. Dahinter fällt die Straße in Serpentinen ab nach Palasa und Dhermi. Es folgen Himara, die Bucht von Porto Palermo, die Dörfer Qeparo und Borsh, schließlich Saranda als größte Stadt des Südens. Ksamil und die Ruinen von Butrint bilden den Schlusspunkt kurz vor Griechenland.
Ohne Stopps dauert die Fahrt von Vlora nach Saranda drei bis vier Stunden. Das klingt nach wenig. Doch die Straße ist stellenweise eng, die Kehren am Pass verlangen Aufmerksamkeit, und praktisch hinter jeder zweiten Kurve liegt ein Aussichtspunkt, an dem man doch wieder aussteigt. Sinnvoller als tägliches Weiterziehen sind zwei Standorte: ein Quartier im Norden zwischen Dhermi und Himara, ein zweites im Süden um Saranda.
Wer die Riviera in eine längere Balkanreise einbauen will, findet die Anschlussideen im Überblick zum Balkan-Roadtrip durch mehrere Länder. Die Küstenstraße fügt sich dort als südlichster Abschnitt ein.
Der Norden: Dhermi und Himara als Basislager
Dhermi liegt direkt unterhalb des Passes, ein alter Ortskern am Hang, darunter der lange Kiesstrand mit klarem Wasser. Von hier aus erreicht man die Nachbarbuchten in kurzer Fahrt, allen voran Gjipe: eine Bucht am Ausgang einer Schlucht, die nur zu Fuß erreichbar ist. Vom Parkplatz sind es rund zwanzig bis dreißig Minuten bergab. Genau diese letzte halbe Stunde hält den Ort ruhiger als die Strände an der Straße.
Gleich nebenan liegen zwei Alternativen für den ersten Standort. Palasa, das erste Dorf unterhalb des Passes, ist der ruhigste Einstieg in die Riviera, mit weitem Strand und Blick zurück auf die Bergwand. Drymades, praktisch der zweite Strand von Dhermi, versammelt Strandbars und kleinere Hotels hinter einer Reihe alter Olivenbäume. Wer abends Betrieb will, wohnt in Dhermi. Wer morgens nur das Meer hören will, in Palasa.
Himara, eine halbe Stunde weiter südlich, war lange ein Fischerort und ist heute der praktischste Stützpunkt der ganzen Riviera. Es gibt eine Uferpromenade, Tavernen, Unterkünfte in allen Größen und oberhalb des Ortes eine alte Burgsiedlung mit Blick über die Küste. Abends sitzen Familien am Wasser, auf den Tischen stehen gegrillter Fisch und Oliven aus den Hainen der Umgebung.
Kurz hinter Himara lohnt der Abstecher nach Porto Palermo. In der geschützten Doppelbucht sitzt auf einer Landzunge die Festung des Ali Pascha, ein niedriger, dreieckiger Steinbau zwischen zwei Naturhäfen. Man läuft über die schmale Verbindung hinüber, steigt auf die Mauern und sieht die Küstenstraße als dünne Linie im Fels verschwinden.
Der Süden: Saranda, Ksamil und das Ende der Straße
Zwischen Porto Palermo und Saranda wechselt die Küste noch einmal den Charakter. Qeparo besteht aus zwei Teilen, dem neuen Ortsteil am Wasser und dem alten Steindorf hoch am Hang, dessen Gassen zu einem kurzen Spaziergang zwischen verlassenen und wiederbelebten Häusern einladen. Borsh breitet sich darunter aus, mit einem der längsten Strände der Riviera und Olivenhainen, die bis fast ans Wasser reichen. Hier ist die Küste am wenigsten verbaut, viele fahren durch. Ein Fehler, finde ich.
Hinter Borsh und Lukova weitet sich die Küste, die Straße verlässt die Steilhänge, und Saranda taucht als weißer Halbkreis um seine Bucht auf. Die Stadt ist laut, lebendig und als Standort vor allem praktisch: kurze Wege, viele Restaurants, Fähranleger mit Verbindung nach Korfu. Wer Ruhe sucht, wohnt außerhalb und nutzt Saranda für den Abend.
Ksamil, wenige Kilometer südlich, ist das berühmteste Postkartenmotiv der Riviera. Weißer Sand, flach abfallendes Wasser, vorgelagerte kleine Inseln, zu denen man hinüberschwimmen kann. Korfu liegt nur wenige Seemeilen entfernt. Der Ort selbst ist ein junges Feriendorf ohne alten Kern, die Strände sind kleinteilig und in Abschnitte mit Liegen aufgeteilt. Schön ist es trotzdem, besonders früh am Morgen.
Der eigentliche Schlussakkord der Route liegt hinter Ksamil: Butrint, eine antike Stadt in einer Lagunenlandschaft, als Welterbe geschützt und von Wald umwachsen. Theater, Basilika und Stadttore verteilen sich über eine Halbinsel, zwischen den Steinen raschelt es im Laub. Nach einer Woche Strand und Serpentinen wirkt dieser stille Ort wie ein bewusst gesetzter Kontrapunkt.
Wo die Rechnung nicht aufgeht
Die Riviera hat Grenzen, und die ehrlichste heißt Hochsommer. In den Ferienwochen füllen sich Ksamil und die bekannten Buchten schon am Vormittag, an der Küstenstraße wird das Parken zur Geduldsprobe. Wer nur dann reisen kann, weicht auf die frühen Morgenstunden aus, wählt die fußläufigen Buchten wie Gjipe und legt die Fahretappen in die Mittagszeit.
Auch die Straße selbst ist ein Faktor. Die Kehren am Llogara-Pass und einige enge Ortsdurchfahrten verlangen entspanntes Fahren, mit großem Wohnmobil macht das weniger Freude als mit einem kleinen Mietwagen. Und wer barrierefreie Strandzugänge braucht, ist an den Kiesbuchten des Nordens schlechter aufgehoben als an den flachen Sandstränden um Ksamil. Die Riviera belohnt Beweglichkeit, zu Fuß wie am Steuer.
Ein Sonderfall ist die Anreise über Korfu. Die Fähre nach Saranda macht es möglich, die Route von Süden nach Norden zu fahren und den Llogara-Pass als Finale zu setzen. Dramaturgisch spricht einiges dafür: Der Blick von oben auf die gesamte Küste wirkt am stärksten, wenn man jede der Buchten darunter schon kennt.
Von hier aus weiter
Dieser Artikel ist die Übersicht zum Cluster Albanische Riviera. Dort erscheinen nach und nach Detailartikel zu den einzelnen Abschnitten der Küste. Wer die Region mit den Nachbarländern vergleichen will, liest den Montenegro-Roadtrip zwischen Adria und Durmitor. Und für die große Runde über mehrere Grenzen hinweg liefert der Balkan-Roadtrip den Rahmen, in den diese Küstenroute passt.







