Hinter Kotor hört die Küste schlagartig auf. Die alte Serpentinenstraße, Ende des 19. Jahrhunderts als Verbindung zur damaligen Hauptstadt Cetinje in den Fels gebaut, schraubt sich in rund 25 Kehren die Wand hinauf. Bei jeder Kehre sinkt die Bucht tiefer, bis sie schließlich komplett im Rückspiegel liegt, ein silberner Fjord zwischen grauen Bergen. Wer hier oben zum ersten Mal aussteigt, versteht: Jetzt beginnt die zweite Reise.
Der Norden Montenegros ist rauer, leerer und höher als die Küste. Er ist auch, das darf man so klar sagen, der Grund, diese Reise überhaupt zu machen.
Die Auffahrt: Serpentinen mit Respekt
Die Kehrenstraße ist schmal, teils einspurig, mit Ausweichbuchten. Wer Gegenverkehr fürchtet, fährt früh am Morgen, dann sind kaum Ausflugsbusse unterwegs. Die Aussichtspunkte an den oberen Kehren gehören zu den besten Fotoplätzen des Landes. Danach öffnet sich das Karstplateau, und die Route zieht über Njeguši weiter ins Landesinnere Richtung Norden.
Zwischenstopp mit Geschichte: Ostrog
Auf dem Weg nach Norden bietet sich ein Halt am Kloster Ostrog an. Es klebt buchstäblich in einer senkrechten Felswand hoch über der Ebene der Bjelopavlići. Gegründet wurde es im 17. Jahrhundert von Vasilije, dem Bischof von Zahumlje und Herzegowina, der vor osmanischen Übergriffen in die Höhlen des Felsens auswich und dort eine Klostergemeinschaft aufbaute. Nach seinem Tod wurde er heiliggesprochen, sein Grab machte Ostrog zum wichtigsten Wallfahrtsort der serbisch-orthodoxen Kirche.
Entsprechend viel ist los. Pilger stehen geduldig vor der oberen Höhlenkirche an, dazwischen Reisegruppen. Wer sich für Glaubensgeschichte interessiert, erlebt einen eindrucksvollen Ort. Wer nur ein Fotomotiv sucht, kalkuliert den Andrang besser ein und entscheidet danach.
Übernachten am Fluss
In der Tara-Gegend haben sich Campingplätze direkt am Flussufer als besonders schöne Übernachtung erwiesen, auch für Reisende ohne Zelt, denn viele vermieten Hütten und Bungalows. Abends rauscht der Fluss, morgens hängt Nebel zwischen den Kiefern. Nach den warmen Nächten an der Küste wirkt die klare Bergluft wie ein Neustart.
Der Durmitor-Ring: die Runde, die bleibt
Von Žabljak aus führt der Durmitor-Ring in einer Schleife von rund 76 Kilometern um das Bergmassiv. Die Straße ist fast durchgehend asphaltiert, nur vor dem Sedlo-Pass, mit gut 1900 Metern der höchste Punkt der Runde, liegt ein kurzes Schotterstück. Hinter jeder Kuppe wechselt das Bild: Gletscherkare, Schafweiden, Felszinnen, einsame Katuns, die Sommersiedlungen der Hirten.
Es klingt nach einer Übertreibung, ist aber die redaktionelle Einschätzung nach Abwägung aller Etappen: Diese Runde ist das Highlight der gesamten Reise. Wer nur einen einzigen Tag im Norden hat, gibt ihn dem Ring.
Extra-Tag: Schwarzer See und Tara-Rafting
Genau deshalb lautet die Empfehlung, mindestens einen zusätzlichen Tag einzuplanen. Der Schwarze See bei Žabljak liegt eingefasst von Wald und Felswänden, ein Rundweg führt am Ufer entlang und lässt sich zu längeren Touren ausbauen. Die Wanderung ist auch für Ungeübte machbar.
Die zweite Option ist Rafting auf der Tara. Der Fluss hat sich hier den tiefsten Canyon Europas gegraben, an manchen Stellen liegen mehr als 1300 Meter zwischen Kante und Wasser. Die geführten Touren durch die Schlucht sind gut organisiert und auch für Einsteiger geeignet. Wer beide Tage freischaufeln kann, macht beides und bereut nichts.
Weiterlesen
Wie der Norden in die Wochenroute passt, zeigt die Übersicht zum Montenegro-Roadtrip. Den Auftakt an der Küste beschreibt der Artikel über Perast und Risan in der Bucht von Kotor. Und warum die Reise danach nicht zur Bucht zurückführt, erklärt der Beitrag zum Abschluss in Dubrovnik.
