Kehre siebzehn, irgendwo über der Bucht. Vor der Kühlerhaube taucht ein Reisebus auf, der die gesamte Fahrbahn braucht, und die Fahrbahn ist genau ein Auto breit. Also Rückwärtsgang, dreißig Meter zurück bis zur Ausweichbucht, der Busfahrer hebt zwei Finger vom Lenkrad. Unten glitzert Kotor, klein wie ein Modellbau, und der Puls braucht einen Moment, bis er wieder mitspielt.
So beginnt für viele die Etappe, die auf dem Papier harmlos aussieht: von der Bucht hinauf in den Lovćen-Nationalpark, weiter nach Cetinje. Wenige Kilometer Luftlinie, ein kompletter Wechsel der Welt. Ob sich das lohnt und wie man den Tag klug baut, klärt dieser Teil der Route.
Warum diese Straße so ist, wie sie ist
Die Serpentinen ab Kotor sind keine moderne Panoramastraße, sondern eine alte Trasse aus der österreichisch-ungarischen Zeit, in den Kalkfels gelegt, als Autos noch keine Rolle spielten. 25 nummerierte Kehren stapeln sich über der Bucht, die Straße gewinnt auf wenigen Kilometern mehrere hundert Höhenmeter. Breiter machen lässt sich da nichts. Der Fels steht auf der einen Seite, auf der anderen fällt der Hang ab.
Genau das erklärt die Fahr-Realität: einspurige Abschnitte, Ausweichbuchten, Gegenverkehr, der manchmal erst hinter der Kurve sichtbar wird. Der Asphalt selbst ist ordentlich, das Problem ist nie der Belag, sondern die Begegnung. Wer das einmal verstanden hat, fährt automatisch richtig, nämlich langsam, vorausschauend und mit Blick auf die nächste Bucht zum Ausweichen.
So gelingt die Auffahrt ab Kotor
Der wichtigste Hebel ist die Uhrzeit. Am frühen Morgen gehört die Strecke den wenigen Selbstfahrern, später schieben sich Ausflugsbusse und Wohnmobile durch die Kehren, und jedes Begegnungsmanöver kostet Nerven. Bergauf zu fahren ist angenehmer als bergab, weil man näher an der Felswand bleibt und die Ausweichbuchten besser einsehen kann. Hupen vor blinden Kehren ist hier kein schlechter Stil, sondern Verständigung.
Oben, wo die Straße den Kamm erreicht, liegt Njeguši. Das Bergdorf ist der Geburtsort von Petar II. Petrović Njegoš, dem Dichterfürsten, dem später noch eine Hauptrolle zufällt. Berühmt ist der Ort für seinen luftgetrockneten Schinken und den Käse aus den umliegenden Bergen. Ein Teller davon in einer der Konobas, dazu Brot und der Blick zurück auf die Kehren: bessere Pausen bietet diese Reise kaum.
Das Mausoleum auf dem Jezerski vrh
Von Njeguši führt die Straße weiter in den Nationalpark und windet sich zum Parkplatz unterhalb des Jezerski vrh, des zweithöchsten Gipfels des Lovćen. Ab hier geht es zu Fuß weiter: 461 Stufen, ein großer Teil davon durch einen Tunnel, der durch den Berg geschlagen wurde. Im Tunnel ist es kühl, selbst im Hochsommer, und durch die Fensteröffnungen fällt scheibchenweise Landschaft herein.
Oben steht das Mausoleum von Njegoš, dem Herrscher, Bischof und Dichter, den Montenegro wie eine Gründungsfigur behandelt. Der Bau des Bildhauers Ivan Meštrović ist wuchtig und still zugleich, zwei steinerne Wächterinnen flankieren den Eingang, innen ruht die Figur des Dichters unter einem goldgedeckten Gewölbe. Hinter dem Mausoleum öffnet sich eine runde Aussichtsplattform. An klaren Tagen reicht der Blick über die Berge bis zur Adria und tief ins Landesinnere, ein Panorama, das die gesamte Route dieser Woche in ein einziges Bild packt.
Cetinje: die alte Hauptstadt als ruhiger Ausklang
Nach dem Gipfel wirkt Cetinje wie ein Gegenprogramm. Die Stadt liegt in einem Talkessel unterhalb des Lovćen und war lange die Hauptstadt Montenegros, Residenz der Fürsten und Könige. Aus dieser Zeit stammen die ehemaligen Gesandtschaftsgebäude europäischer Mächte, heute beherbergen sie Museen, Akademien und Ämter. Man spaziert an ihnen vorbei wie durch ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch mit bröckelnden Ecken.
Das Kloster von Cetinje ist das geistliche Zentrum des Landes, daneben lohnen der ehemalige Palast von König Nikola und die flanierfreundliche Hauptstraße mit ihren Cafés. Cetinje ist keine Stadt der großen Effekte. Es ist ein Ort zum Runterkommen nach den Kehren, mit einem Eis in der Hand und Platanen über dem Kopf.
Als Tagesschleife funktioniert das Ganze so: morgens die Serpentinen ab Kotor, Pause in Njeguši, mittags das Mausoleum, nachmittags Cetinje. Zurück zur Bucht geht es dann nicht über die Kehren, sondern auf der breiteren Hauptstraße Richtung Budva und an der Küste entlang. So fährt niemand dieselbe enge Strecke zweimal, und der anstrengende Teil liegt in der verkehrsarmen Morgenhälfte.
Grenzen und Sonderfälle
Bei Nebel oder tief hängenden Wolken verliert der Tag seinen Hauptdarsteller, denn ohne Sicht ist die Plattform am Mausoleum nur eine windige Treppe. Dann lieber umplanen und die Etappe an einem klareren Tag nachholen. Wer mit einem breiten Camper oder Anhänger reist, meidet die Serpentinen ab Kotor besser ganz und nimmt die Hauptstraße über Budva nach Cetinje, von dort ist der Nationalpark bequem erreichbar.
Auch Mitfahrer mit empfindlichem Magen sind auf der Kehrenstrecke nicht zu beneiden. Ein Fensterplatz, Blick nach vorn und eine Pause in Njeguši helfen mehr als jede Tablette. Und wer schlicht keine Lust auf enge Straßen hat, darf diese Etappe ohne schlechtes Gewissen als Tagesausflug mit örtlichem Fahrer buchen.
Von hier aus weiter
Im Ablauf der Woche passt dieser Tag am besten direkt nach den Tagen an der Bucht, als Übergang zwischen Küste und Gebirge. Wie die gesamte Schleife zusammenhängt, zeigt die Übersicht zum Montenegro-Roadtrip. Wer die Etappe davor noch plant, findet die Quartierfrage im Artikel über Perast und Risan statt Kotor-Stadt beantwortet.
