Am frühen Abend legt sich die Bucht von Kotor in Falten aus Kupfer und Grau. In Risan sitzen ein paar Einheimische am Wasser, ein Fischerboot tuckert heimwärts, gegenüber steigt die Bergwand fast senkrecht aus dem Meer. Dreißig Autominuten entfernt schieben sich zur selben Zeit Menschentrauben durch die Gassen von Kotor. Zwei Welten, eine Bucht.
Genau darin liegt der wichtigste Ratschlag für diesen Teil der Reise: Die Bucht ist das Ziel, nicht die Stadt.
Warum Kotor-Stadt enttäuschen kann
Kotors Altstadt mit ihren mittelalterlichen Mauern ist zurecht berühmt. Doch der Ruhm hat Folgen. Kreuzfahrtschiffe ankern vor der Stadt, Tagesausflügler fluten die Gassen, und zwischen Souvenirständen bleibt vom Flair wenig übrig. Wer die Stadt sehen will, geht früh am Morgen, bevor die ersten Gruppen eintreffen.
Als Quartier taugt Kotor dagegen wenig. Die kleinen Orte entlang des Nordufers bieten dieselbe Kulisse, dieselben Sonnenuntergänge und einen Bruchteil des Trubels.
Risan: der ruhige Auftakt
Für die erste Nacht hat sich Risan bewährt. Der Ort ist die älteste Siedlung der Bucht und trägt seine Geschichte beiläufig: In einem Schutzbau am Ortsrand liegen römische Mosaikböden aus einer antiken Villa, die man fast allein besichtigt. Kein Spektakel, eher ein stilles Staunen.
Risan hat kaum touristische Infrastruktur, und das ist sein Vorzug. Ein paar Konobas am Wasser, eine Uferpromenade, dahinter beginnt sofort der Berg. Wer nach der Anreise ankommen will, im doppelten Sinn, ist hier richtig.
Perast: der schönste Ort der Bucht
Wenige Kilometer weiter liegt Perast, und hier darf man ins Schwärmen geraten. Der Ort besteht im Grunde aus einer einzigen Zeile barocker Steinhäuser am Wasser, dahinter Zypressen, davor zwei Inseln. Eine davon, Gospa od Škrpjela, wurde von Seeleuten künstlich aufgeschüttet, Stein um Stein, mit einer Wallfahrtskirche darauf. Kleine Boote pendeln vom Ufer hinüber.
Perast ist tagsüber gut besucht, aber nie so erdrückend wie Kotor. Abends, wenn die Ausflugsboote weg sind, gehört die Uferzeile wieder den Übernachtungsgästen. Wer sich eine besondere Unterkunft gönnen will, findet hier kleine Boutique-Häuser direkt am Wasser, oft in alten Kapitänspalästen. Das Frühstück mit Blick auf die Kircheninsel bleibt im Gedächtnis.
Essen an der Bucht: Austern mit Fußnote
Die Bucht ist bekannt für Muschel- und Austernzucht, und die Restaurants am Ufer machen daraus keine große Inszenierung. Frische Meeresfrüchte, faire Preise, oft findet sich auch ohne Reservierung ein Tisch. Das Preis-Leistungs-Verhältnis gehört zum Besten an dieser Küste.
Ein ehrliches Wort zu rohen Austern: Sie sind eine Delikatesse, aber auf Reisen auch ein Risiko. Magen-Darm-Infekte durch rohe Meeresfrüchte kommen vor, und zwei bis drei Tage Ausfall können eine kurze Reise empfindlich treffen. Das ist kein Grund zur Panik, nur eine Abwägung. Wer auf Nummer sicher gehen will, bestellt Muscheln und Austern gegrillt oder überbacken. Geschmacklich verliert man dabei wenig.
Wie viel Zeit einplanen
Zwei Nächte an der Bucht sind ein gutes Maß. Ein Tag für Risan, Perast und die Kircheninsel, ein halber für Kotor am frühen Morgen. Danach zieht die Route weiter, denn das eigentliche Highlight der Reise wartet im Gebirge.
Wie es weitergeht, steht in der Übersicht zum Montenegro-Roadtrip. Die Fahrt über die Serpentinen in den Norden beschreibt der Artikel zum Durmitor-Ring und zur Tara-Schlucht. Und wer überlegt, ob sich der Abstecher nach Süden lohnt, liest vorher die Einordnung zu Budva und Sveti Stefan.
