Das Foto kennt jeder, der je nach Montenegro gesucht hat: eine winzige Insel voller Steinhäuser, verbunden mit dem Festland durch einen schmalen Damm, links und rechts davon rosafarbener Kies und türkisblaues Wasser. Sveti Stefan ist das Postermotiv des Landes. Dann steht man am Aussichtspunkt über der Bucht, das Panorama stimmt, und trotzdem beschleicht einen eine Ahnung: Näher sollte man vielleicht nicht herangehen.
Die Ahnung trügt nicht. Dieser Küstenabschnitt ist der Ort, an dem Erwartung und Wirklichkeit am weitesten auseinanderliegen.
Sveti Stefan: schön von weitem, sperrig von nahem
Die Insel selbst ist ein exklusives Hotelresort. Für gewöhnliche Besucher ist sie im Regelfall nicht zu betreten, die Gassen und Terrassen bleiben Hotelgästen vorbehalten. Was bleibt, ist der Blick von außen. Der ist tatsächlich großartig, besonders vom erhöhten Aussichtspunkt an der Küstenstraße, und kostet nichts.
Am Wasser sieht die Rechnung anders aus. Die Strände beiderseits des Damms sind größtenteils privat bewirtschaftet, die Liegen kosten Beträge, für die man andernorts ein Abendessen für die ganze Familie bekommt. Die frei zugänglichen Abschnitte sind schmal und in der Saison schnell belegt. Entspanntes Baden sieht anders aus.
Das Fazit fällt deshalb nüchtern aus: anhalten, fotografieren, weiterfahren. Als Fotostopp ist Sveti Stefan zwanzig Minuten wert. Als Tagesziel enttäuscht es.
Budva: laute Fassade, historischer Kern
Budva begrüßt Durchreisende mit einer Wand aus Apartmentblöcken, Werbetafeln und Baukränen. Wer die Stadt nur von der Umgehungsstraße sieht, fragt sich, wie sie je zum Sehnsuchtsziel wurde. Der Strip aus Clubs und Strandbars zielt auf ein Partypublikum, das andere Prioritäten hat als Buchtpanoramen.
Dahinter verbirgt sich allerdings ein alter Kern. Die kompakte Altstadt auf ihrer Halbinsel, venezianisch geprägt und von Mauern umschlossen, soll sehenswert sein: enge Gassen, Kirchplätze, eine Zitadelle über dem Wasser. Wer ohnehin vorbeikommt und Zeit übrig hat, kann ihr einen kurzen Besuch widmen, am besten früh oder spät am Tag.
Die ehrliche Abwägung für eine Woche
Auf einer siebentägigen Route ist Zeit die härteste Währung. Jeder halbe Tag in Budva fehlt am Schwarzen See oder auf der Terrasse in Perast. Die redaktionelle Einschätzung ist deshalb eindeutig: Dieser Küstenabschnitt ist verzichtbar, wenn die Bucht von Kotor und der Durmitor im Programm stehen.
Wer trotzdem hinunterfährt, etwa weil der Weg ohnehin Richtung Süden führt, macht es am besten so: Fotostopp am Aussichtspunkt über Sveti Stefan, danach höchstens zwei Stunden Budva-Altstadt, dann zurück auf die Route. So nimmt man das Beste mit und lässt den Rest links liegen.
Was stattdessen lohnt
Die Zeit, die hier gespart wird, hat auf dieser Reise zwei natürliche Abnehmer. Erstens die kleinen Orte der Bucht, wo ein zusätzlicher Abend am Wasser mehr Erholung bringt als jeder bewachte Liegestuhl. Zweitens der Norden: Ein Extra-Tag im Durmitor-Nationalpark, zum Wandern oder fürs Rafting auf der Tara, bleibt länger im Gedächtnis als jede Strandbar.
Die komplette Wochenplanung steht in der Übersicht zum Montenegro-Roadtrip. Warum die Bucht die bessere Basis ist, begründet der Artikel über Perast und Risan. Und was den Norden so besonders macht, zeigt der Beitrag zum Durmitor-Ring und zur Tara-Schlucht.
