Punkt zwölf legt sich eine Trompete über den Rynek. Der Turmbläser der Marienkirche spielt sein Signal in alle Himmelsrichtungen, und mitten im Ton bricht die Melodie ab. So geht das seit Jahrhunderten, zu jeder vollen Stunde. Unten bleiben ein paar Leute stehen, Tauben flattern auf, ein Kellner balanciert sein Tablett durch die Arkaden der Tuchhallen. Dann läuft alles weiter, als wäre nichts gewesen.
Wer ein Wochenende für Krakau eingeplant hat, steht vor einer eigenartigen Frage. In vielen Reiseplänen taucht die Stadt erst hinter Prag oder Budapest auf, dabei liegen hier Altstadt, Königsschloss und ein ganzes jüdisches Viertel in Gehweite zueinander. Zwei Tage klingen trotzdem knapp. Wie verteilt man sie, ohne nur Sehenswürdigkeiten abzuhaken?
Warum Krakau mehr ist als die Nummer hinter Prag
Krakau war über Jahrhunderte polnische Königsstadt und blieb im Zweiten Weltkrieg von großflächiger Zerstörung verschont. Deshalb steht die Altstadt noch so da, wie sie gewachsen ist: der Rynek als Mitte, drumherum ein Ring aus Gassen und dem grünen Planty-Park, südlich davon der Wawel-Hügel an der Weichsel, dahinter Kazimierz. Alles liegt so dicht beieinander, dass ein Wochenende ohne Tram und Taxi auskommt.
Dazu kommt das Preisniveau. Essen, Kaffee und Eintritte kosten spürbar weniger als in westlichen Hauptstädten, und auch weniger als in Prag zur Hochsaison. Krakau ist damit eines der wenigen Ziele, bei denen zwei Tage mit kleinem Budget nicht nach Verzicht aussehen.
Der Rynek mit den Tuchhallen gibt den Takt vor
Der Rynek Główny zählt zu den größten mittelalterlichen Plätzen Europas, und mitten auf ihm stehen die Tuchhallen: ein langgestreckter Renaissancebau mit Arkaden, in dem früher Tuchhändler ihre Ware stapelten. Heute reihen sich innen Stände mit Bernstein, Holzarbeiten und Souvenirs aneinander, im Obergeschoss hängt Malerei in einer Galerie. Früh am Morgen hat man die Halle fast für sich, ab Mittag wird sie zur Durchgangsstraße.
Am Ostrand des Platzes ragt die Marienkirche mit ihren zwei ungleichen Türmen auf, vom höheren klingt das stündliche Trompetensignal. Rund um die Altstadt läuft der Planty-Park, ein grüner Ring auf dem Verlauf der alten Stadtmauern. Er taugt als Abkürzung, als Pausenbank und als Orientierung: Wer ihn kreuzt, verlässt die Altstadt oder betritt sie.
Der Wawel führt vom Königsschloss ans Weichselufer
Vom Rynek sind es gut zehn Minuten zu Fuß auf den Wawel-Hügel. Oben stehen Schloss und Kathedrale, in der polnische Könige gekrönt und begraben wurden. Für die Innenräume braucht man Tickets und etwas Zeit, der Hof und die Aussicht kosten nichts. Von der Mauer aus liegt einem die Weichsel zu Füßen, mit Ausflugsbooten und dem Band der Uferwege.
Unten am Fuß des Hügels speit eine bronzene Drachenfigur in Abständen Feuer, ein Gruß an die Stadtlegende vom Wawel-Drachen. Dahinter beginnen die Weichsel-Boulevards, breite Promenaden auf beiden Ufern. Hier joggen Krakauer, Familien picknicken auf den Wiesen, und am frühen Abend setzt man sich mit Blick zurück auf den Hügel einfach ins Gras.
Kazimierz und die Milchbars zeigen den Alltag
Kazimierz, südöstlich des Wawel, war einmal eine eigene Stadt und über Jahrhunderte das Zentrum jüdischen Lebens in Krakau. Tagsüber führt der Weg an Synagogen und dem alten Friedhof vorbei, durch stille Höfe und an Trödelläden entlang bis zum Plac Nowy mit seiner runden Markthalle. Wer die Geschichte des Viertels ernst nimmt, geht am Vormittag, wenn die Gassen noch leise sind.
Am Abend erwartet man ein stilles Gedenkviertel und findet etwas anderes: Bars in Wohnzimmermöblierung, Musik aus offenen Türen, volle Gehsteige bis weit nach Mitternacht. Beides ist Kazimierz, und beides ist echt. Am besten plant man das Viertel doppelt ein, morgens für die stillen Seiten, abends bewusst zum Ausgehen.
Fürs Essen lohnt eine Kategorie, die es so nur in Polen gibt: die Milchbar. Diese schlichten Kantinen stammen aus sozialistischer Zeit, die allererste eröffnete in Krakau. Bestellt wird an der Theke, serviert werden Piroggen, Suppen und Kartoffelpuffer auf Tabletts, die Einrichtung bleibt bei Resopal und Neonlicht. Wer über das Ambiente hinwegsieht, isst hier ehrlicher und günstiger als irgendwo am Rynek.
Die Gedenkstätte Auschwitz ist kein Programmpunkt
Rund 75 Kilometer westlich von Krakau liegt Oświęcim mit der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Viele verbinden einen Krakau-Besuch mit diesem Ort, und das ist möglich, verlangt aber eine eigene Logik: einen ganzen Tag, eine rechtzeitige Anmeldung über die Gedenkstätte und Ruhe davor wie danach. Zwischen Tuchhallen und Abendessen lässt sich dieser Ort nicht einordnen, und so sollte man es auch nicht versuchen. Wer nur zwei Tage hat, verlängert das Wochenende oder hebt den Besuch für eine eigene Reise auf.
Von hier aus weiter
Wie man Städtetrips grundsätzlich zuschneidet, steht in der Übersicht zu Städtereisen. Wer den Vergleich zur bekannteren Nachbarin sucht, liest Prag an einem Wochenende. Und für die Anreise mit Zwischenstopp bietet sich Wien an einem Wochenende an, von dort fahren direkte Züge nach Krakau.
