Ein Novembermorgen in Vernazza: Auf dem Hafenplatz stapelt ein Fischer Kisten, zwei Katzen streiten um den besten Sonnenfleck, sonst niemand. Dieselbe Piazza, auf der sich im August die Menschen aneinander vorbeischieben, gehört jetzt den Bewohnern. Die Cinque Terre haben zwei Gesichter, und das stillere zeigt sich nur denen, die den Kalender ernst nehmen.
Warum es so voll wird
Die Geografie erklärt das Gedränge. Fünf sehr kleine Dörfer, dazwischen schmale Wege, kurze Bahnsteige und enge Gassen: Der Platz wächst nicht mit der Nachfrage. Dazu kommen Tagesgäste aus den Badeorten der Umgebung und Ausflugsgruppen von Kreuzfahrtschiffen, die in La Spezia anlegen. Der Strom konzentriert sich auf wenige Stunden am Tag, etwa vom späten Vormittag bis zum frühen Abend, und auf wenige Punkte: die Hauptgassen, die Aussichtsstellen, die Küstenetappen.
Genau daraus ergibt sich der Plan. Wer Zeitpunkt, Tagesrhythmus und Ort geschickt wählt, erlebt eine andere Küste, sogar mitten im Sommer.
Die Monate im Charakter
Das Frühjahr ist Wanderzeit. Die Terrassen leuchten grün, Ginster und wilder Fenchel säumen die Wege, die Temperaturen bleiben mild. Das Meer ist zum Baden meist noch frisch. Der Herbst dreht das Bild um: Das Wasser hält die Sommerwärme lange, das Licht wird weich, in den Weinbergen hängen die Trauben oder werden gerade gelesen. Beide Jahreszeiten bringen allerdings mehr Regentage als der Hochsommer, und nach kräftigen Güssen können einzelne Wege vorübergehend dichtmachen.
Der Winter ist die radikale Variante. Viele Lokale und Zimmervermieter pausieren, Boote bleiben im Hafen, manche Etappe ist gesperrt. Dafür: leere Gassen, klare Fernsicht an guten Tagen, Bahnfahrten mit Fensterplatz nach Wahl. Wer Stille über Komfort stellt, wird belohnt.
Der Tagesrhythmus als Werkzeug
Auch innerhalb eines Tages lässt sich viel gewinnen. Die Formel ist einfach: früh und spät gehört die Küste den Übernachtungsgästen, mittags den Ausflüglern.
Konkret heißt das: Vor dem Frühstück oder direkt danach auf den Weg, die erste Wanderetappe liegt dann fast leer da. Die Mittagsstunden verbringt man abseits der Hotspots, etwa auf den Höhenwegen über den Dörfern, in Corniglia oder bei einem langen Mittagessen. Ab dem späten Nachmittag leeren sich Gassen und Aussichtspunkte, und der Abend am Hafen von Vernazza oder auf der Mole von Manarola fühlt sich wieder nach Dorf an.
Daraus folgt die wichtigste Einzelentscheidung: mindestens eine Nacht in einem der Dörfer oder in unmittelbarer Nähe schlafen. Tagesbesucher erleben die Cinque Terre fast nur zur vollsten Zeit.
Orte mit eingebauter Ruhe
Ein paar Ziele bleiben selbst in der Hauptsaison vergleichsweise ruhig. Corniglia schreckt mit seiner Treppe viele ab und ist gerade deshalb entspannt. Die Wallfahrtskirchen oberhalb der Dörfer erreichen nur Fußgänger mit Ausdauer. Auch die Nachbarorte außerhalb des engsten Kerns lohnen sich: Levanto mit Strand und Altstadt, Portovenere mit seiner Felsenkirche, beide gut per Bahn oder Boot angebunden.
Und wenn es doch voll wird: Ein Espresso in einer Seitengasse, zwanzig Meter von der Hauptachse entfernt, kostet weniger Nerven als jeder Umplanungsversuch. Die Dörfer sind winzig, aber ihre Ränder sind erstaunlich still.
Weiterlesen im Cluster
Welche Wege sich in der grünen Jahreszeit besonders lohnen, zeigt der Artikel zum Küstenpfad. Für die Wahl des Standorts hilft der Vergleich der fünf Dörfer. Alle Beiträge versammelt die Cluster-Übersicht zu den Cinque Terre.
