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Wandern in Österreich

Hohe Tauern: Talschlüsse und Wasserfallwege

Krimmler Achental, Umbalfälle, stille Talböden: Warum sich das Wandern in den Tauerntälern mehr lohnt als jeder Gipfelsammelplan.

Von Maia Brandt AI generiert · Aktualisiert am

Hoher Wasserfall stuerzt in ein weites Alpental, ein Wanderer geht im Spruehnebel den Weg hinauf.
Bild: KURaiTOR / KI-generiert

Halb neun im hintersten Winkel des Tals. Die Sonne hängt noch hinter dem Grat, das Licht fällt kalt von oben auf nasses Gestein. Vom Fall zieht feiner Wasserstaub herüber und setzt sich auf Jacke, Brille, Handrücken. Nach zehn Minuten ist der Ärmel klamm, obwohl kein Tropfen Regen fällt.

Was zuerst auffällt, ist nicht der Anblick. Es ist der Lärm. Kein Rauschen, eher ein tiefes Dröhnen, das im Brustbein sitzt und jedes Gespräch auf Zurufe verkürzt. Die Wand gegenüber wirft den Ton zurück. Wer hier stehen bleibt, hört zwanzig Sekunden lang nichts anderes mehr.

Dann, von der Geröllhalde links über dem Weg, ein Pfiff. Zwei Töne, scharf und trocken, wie ein zu spät kommender Schiedsrichter. Ein Murmeltier sitzt aufrecht zwischen den Blöcken und verschwindet, sobald man den Kopf dreht. Über der Schneezunge am Talende dampft die Luft.

Warum die Täler mehr hergeben als die Gipfel

Der Nationalpark Hohe Tauern zieht sich über Salzburg, Kärnten und Osttirol und ist das größte Schutzgebiet der Alpen. Die meisten Besucher denken zuerst an Dreitausender. Dabei liegt der eigentliche Reiz eine Etage tiefer.

Talschlüsse funktionieren anders als Gipfeltouren. Du gehst lange fast eben, die Höhenmeter kommen erst am Ende oder gar nicht. Der Weg bleibt fast immer am Wasser, und das Panorama wächst mit jedem Kilometer, statt sich in einem einzigen Ausblick zu erschöpfen. Für Familien, für Gehungewohnte, für alle mit Knieproblemen ist das die ehrlichere Option.

Dazu kommt die Verlässlichkeit. Ein Talweg ist auch bei tiefen Wolken begehbar. Wenn die Grate im Nebel stecken, wird der Talboden sogar schöner: gedämpftes Licht, satte Farben, kaum Gegenlicht im Wasser.

Und das Tempo verändert sich. Auf einer Gipfeltour zählst du Höhenmeter und schaust auf die Uhr. Im Talschluss entscheidet niemand für dich, wo Schluss ist, weil es keinen Punkt gibt, den man erreicht haben muss. Mit Kindern funktioniert das erstaunlich gut. Sie hören nach zwei Stunden auf zu fragen, wie weit es noch ist, sobald sie die Füße ins Wasser halten dürfen.

Zwei Talschlüsse als Ankerpunkte

Die Krimmler Wasserfälle im Salzburger Pinzgau sind der bekannteste Einstieg. Rund 380 Höhenmeter stürzt die Krimmler Ache in drei Stufen ab, und der Wasserfallweg führt in Serpentinen daran vorbei. Die unterste Stufe erreichst du in einer Viertelstunde, bis ganz nach oben brauchst du gut eine Stunde. Aussichtskanzeln liegen so nah am Wasser, dass die Gischt bis auf den Weg reicht.

Der Fehler vieler Tagesgäste: Sie kehren oben um. Dabei beginnt hinter dem letzten Fall das Krimmler Achental, ein langes, ruhiges Hochtal Richtung Zillertaler Alpen. Der Weg folgt der Ache über Almböden bis zum Krimmler Tauernhaus, gut dreieinhalb Stunden vom Parkplatz aus gerechnet. Ab der oberen Fallstufe wird es merklich stiller.

Zweiter Ankerpunkt, andere Seite des Hauptkamms: die Umbalfälle im Osttiroler Virgental. Hier tost die Isel durch eine enge Klamm, und der Wasserschaupfad führt über Stege und Plattformen direkt an die Strömung heran. Start ist Ströden hinter Hinterbichl bei Prägraten am Großvenediger. Wer weitergeht, landet im Talschluss unter der Dreiherrenspitze, wo Gletscherbäche und Blockwerk das Bild bestimmen.

Beide Täler haben denselben Vorteil: Du kannst jederzeit umdrehen, ohne dass die Tour missglückt ist. Und beide haben stille Nachbarn. Vom Salzachtal zweigen mehrere Seitentäler Richtung Hauptkamm ab, im Osttiroler Teil führt das Gschlößtal hinter Matrei zu einem der bekanntesten Talschlüsse der Ostalpen. Wer an einem Augustwochenende Ruhe sucht, fährt genau ein Tal weiter als die Reiseführer empfehlen.

Was der Nationalpark erwartet

Im Schutzgebiet gilt Wegegebot. Das ist keine Schikane, sondern Wildschutz: Gämsen und Steinböcke reagieren auf Menschen abseits der Trassen mit Fluchtverhalten, das Kraftreserven kostet. Bleib auf den markierten Wegen, auch wenn eine Abkürzung offensichtlich aussieht.

Hunde gehören an die Leine, ausnahmslos. Drohnen sind verboten, innerhalb der Grenzen wie auch knapp daneben. Pflanzen, Steine und Kristalle bleiben liegen. Auf Weideflächen hältst du Abstand zu Mutterkühen und schließt jedes Gatter hinter dir. Müll nimmst du mit, inklusive Bananenschalen.

Mit dem Bus in den Talschluss

Beide Ziele lassen sich ohne eigenes Auto erreichen, und das ist hier kein Kompromiss, sondern oft die bequemere Lösung. Nach Krimml führt die Pinzgauer Lokalbahn von Zell am See durchs Salzachtal, ergänzt durch Regionalbusse. Vom Ort selbst sind es wenige Minuten zum Beginn des Wasserfallwegs.

Ins Virgental kommst du über Lienz und Matrei in Osttirol. Linienbusse fahren durchs Tal bis Ströden, direkt am Ausgangspunkt hält der Bus. Im Sommer ergänzen Wanderbusse und ein elektrischer Shuttle das Angebot, der die ersten Kilometer Richtung Umbalfälle abnimmt.

Zum Kostenrahmen: Die Wege selbst sind frei begehbar, für den Krimmler Wasserfallweg wird ein Wegerhaltungsbeitrag eingehoben. Parkplätze an den Talschlüssen sind kostenpflichtig, Busse und Shuttles sind mit vielen regionalen Gästekarten inkludiert. Kalkuliere also weniger für Eintritte als für Verpflegung und Anfahrt.

Wann der Weg wirklich frei ist

Talwanderungen starten früher in die Saison als alles, was über die Baumgrenze führt. Ab Mai sind die unteren Abschnitte meist offen. Im Juni tragen die Fälle am meisten Wasser, weil Schneeschmelze und Regen zusammenfallen, und genau dann sind sie am eindrucksvollsten.

Weiter hinten im Tal sieht es anders aus. Lawinenreste liegen bis in den Juli über dem Weg, hart gepresster Altschnee mit Steinen darin. Solche Passagen sind heikler, als sie aussehen. Frag im Nationalparkhaus oder beim örtlichen Tourismusbüro nach dem Zustand, bevor du den Talschluss ansteuerst.

Für den Frühsommer heißt das: Plane die Fälle fix ein und den Talschluss dahinter als Option. Nimm feste Schuhe mit Profil mit, dazu Stöcke, eine Regenjacke und etwas Warmes für die Pausen. In der Gischtzone bleibt die Luft auch im Hochsommer kühl, und ein nasser Baumwollpulli hält den ganzen Tag Kälte fest.

Der ruhigste Zeitraum liegt im September und Anfang Oktober. Weniger Wasser, klarere Luft, Lärchen, die sich langsam verfärben, und Wege, die auch mittags kaum belegt sind. Nur die Tage werden kurz, und im Talschluss verschwindet die Sonne früh hinter dem Kamm.

Zurück am Wasser

Gegen elf kippt das Licht. Die Sonne kommt über den Grat, trifft den Wasserstaub, und für ein paar Minuten steht ein Regenbogen quer in der Schlucht. Die Jacke trocknet, das Dröhnen bleibt. Weiter oben pfeift wieder das Murmeltier, diesmal ohne Publikum.

Von hier aus weiter

Mehr Routen, Regionen und Planungshilfen findest du in der Übersicht Wandern in Österreich. Wenn dir enge Täler und viel Wasser liegen, passt als Nächstes das Gesäuse mit seinen Steilwänden über der Enns.