Am Bahnsteig in Gstatterboden riecht es nach Fluss und feuchtem Fels. Zwei Männer sortieren Seile auf dem Asphalt, klemmen Karabiner an die Gurte, schauen dabei die Wand hinauf, die gleich hinter den Gleisen senkrecht wegzieht. Unten rauscht die Enns so laut, dass man lauter reden muss als gewohnt. Wer hier zum ersten Mal aussteigt, fühlt sich kurz falsch angezogen.
Genau das ist der Grund, warum viele das Gesäuse gar nicht erst auf die Liste setzen. Der Ruf des Gebiets besteht aus Kletterrouten, Schuttrinnen und Namen, die in Bergsteigerbüchern stehen. Bleibt für Leute mit normalen Wanderschuhen überhaupt etwas übrig, wenn die Steilheit anderen gehört?
Warum das Gesäuse so abweisend wirkt
Der Charakter der Region entsteht durch einen Flussdurchbruch. Die Enns hat sich zwischen Admont und Hieflau quer durch die Ennstaler Alpen gefräst, aus einem breiten Talboden wird auf wenigen Kilometern eine enge Schlucht. Links und rechts steht Kalk, oft ohne Vorbau, ohne sanfte Schulter dazwischen.
Den Namen hat die Region von genau diesem Engpass. Das Wasser drückt sich hörbar durch die Klamm, und das Sausen und Tosen der Enns steckt im Wort Gesäuse. Wer im Tal übernachtet, hat den Fluss die ganze Nacht im Ohr.
Dieser Sprung zwischen Wasser und Grat ist das eigentlich Besondere. Vom Wasser bis zum Hochtor, dem höchsten Gipfel mit 2369 Metern, liegen fast 1800 Höhenmeter auf sehr kurzer Distanz. Das erzeugt den Eindruck einer Wand, die keine Zwischenstufen kennt. Tatsächlich zieht sich durch den Nationalpark ein Wegenetz von rund hundert Kilometern, und ein guter Teil davon verlangt nichts als Kondition und Zeit.
Am Fluss entlang statt auf den Gipfel
Die naheliegendste Antwort für Normalwanderer liegt unten, direkt am Wasser. Der Rauchbodenweg zieht auf etwa vier Kilometern vom Weidendom bis zum Nationalpark-Pavillon, breit angelegt, barrierefrei und damit auch mit Kinderwagen oder Rollstuhl machbar. Tafeln am Rand erzählen von Bäumen, Sagen und der Arbeit des Flusses.
Was das mit dir macht, merkst du erst nach ein paar hundert Metern. Von unten wirken die Wände größer als von jedem Aussichtspunkt weiter oben, weil du sie vom Fuß bis zum Grat in einem Blick hast. Dazu Schotterbänke, Treibholz, umgestürzte Stämme im Auwald. Die Gehzeit bleibt kurz genug, um zwei solcher Talstücke an einem Tag zu verbinden.
Das Johnsbachtal als Basis
Wer länger bleibt, quartiert sich am besten im Johnsbachtal ein, einem Seitental südlich der Schlucht. Johnsbach ist ein Bergsteigerdorf, der Ort selbst klein, die Wege von dort aus deutlich freundlicher als die Nordwände auf der anderen Talseite. Ein Geopfad führt weitgehend flach durch das Tal und erklärt unterwegs, woraus dieses Gebirge eigentlich besteht.
Die schönste Runde für einen ganzen Tag ist die Johnsbacher Almenrunde. Sie startet beim Kölblwirt, führt über Schotterwege, Forststraßen, Wiesen und durch moosigen Wald zu insgesamt fünf Almhütten und in den Talschluss. Technisch passiert dabei nichts. Bei der Sulzkaralm liegt ein kleiner See vor der Hütte, und mit halbwegs gehfreudigen Kindern ist die Runde ebenfalls zu schaffen.
Plane trotzdem nach Gehzeit, nicht nach Kilometern. Die Höhenmeter summieren sich auf Almwegen schneller, als der flache Blick auf die Karte vermuten lässt. Und weil das Tal eng steht, wechseln Schatten und pralle Sonne oft im Minutentakt: Sonnenschutz und eine warme Lage im Rucksack gehören auch im Hochsommer dazu.
Was der Nationalpark von dir erwartet
Der Nationalpark ist in eine große Naturzone und eine kleinere Bewahrungszone geteilt. In der Naturzone soll sich die Landschaft möglichst ohne Eingriffe entwickeln, und das merkst du beim Gehen: Totholz bleibt liegen, Wege werden nicht überall breit ausgebaut, manche Passagen bleiben absichtlich naturbelassen.
Daraus folgt ein Wegegebot. Du bleibst auf markierten Wegen, auch wenn die Wiese daneben verlockend aussieht. Hunde gehören an die Leine, weil freilaufende Tiere Wild aufscheuchen. Pilze, Beeren, Blumen und Mineralien bleiben, wo sie sind. Das klingt streng, kostet dich aber unterwegs praktisch nichts.
Diese Touren verlangen mehr als gute Schuhe
Ehrlichkeit gehört dazu, sonst endet die Reise im falschen Gelände. Der Weg zur Hesshütte über den Wasserfallweg und weiter über den Josefinensteig zum Hochtor ist die kürzeste Verbindung vom Tal zum höchsten Gipfel. Er verlangt Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und enthält Kletterstellen im zweiten Schwierigkeitsgrad. Eine Wanderung ist das nicht mehr.
Noch deutlicher liegt der Fall beim Peternpfad. Der gilt als spektakulärster Anstieg im Gesäuse, ist aber eine ungesicherte Kletterroute im zweiten Grad, kein Klettersteig. Ohne Klettererfahrung oder Bergführer hat dort niemand etwas verloren. Auch die Überschreitungen im Hochtormassiv setzen alpine Erfahrung und gute Ausdauer voraus. Wer das trennt, hat im Gesäuse trotzdem genug zu tun.
Mit der Bahn an der Enns entlang
Die Anreise ist einer der praktischen Vorteile der Region. Die Bahnstrecke folgt der Enns mitten durch die Schlucht und hält unter anderem in Admont, Gstatterboden und Hieflau. Buslinien verbinden die Orte zwischen Admont, Liezen und St. Gallen.
Das ändert die Tourenplanung. Statt Runden zu bauen, damit das Auto wieder erreicht wird, kannst du an einem Bahnhof starten und an einem anderen aufhören. Viele Ausgangspunkte liegen direkt an einer Haltestelle. Praktischer wird Wandern selten.
Wo du weitermachst
Wenn du das Gesäuse in eine größere Planung einbauen willst, findest du in der Übersicht Wandern in Österreich die Grundlagen zu Etappen, Ausrüstung und Regionen. Und wer nach demselben Prinzip weiterreisen möchte, also breite Talwege unter großen Wänden statt Gipfelsturm, wird in den Tälern der Hohen Tauern fündig.
