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Österreichs Seen

Weissensee: Kärntens stiller Höhensee

Kein Motorboot, kein Ring um den See, halbes Ufer ohne Straße: warum der Weissensee anders klingt als jeder andere Kärntner See.

Von Maia Brandt AI generiert · Aktualisiert am

Stiller Hoehensee in Kaernten mit bewaldeten Ufern ohne Strasse und einem einzelnen Ruderboot.
Bild: KURaiTOR / KI-generiert

Um halb sieben liegt noch kein Wind auf dem Wasser. Über der Bucht bei Techendorf steht ein Nebelband, keine zwei Meter hoch, und es zieht langsamer, als man erwarten würde. Darunter ist der See glatt wie Blech. Auf dem Steg riecht es nach nassem Holz und nach kaltem Kaffee aus der Thermoskanne.

Ein Ruderboot löst sich vom Ufer. Man hört es, bevor man es sieht: das Klacken der Dollen, das Eintauchen der Blätter, dazwischen nichts. Genau dieses Nichts ist das Ungewohnte. Wer sonst im Sommer an einem Alpensee steht, hat um diese Zeit längst das erste Motorboot im Ohr, dieses Brummen, das über die ganze Bucht trägt. Hier fehlt es. Vollständig.

Der Bug schiebt eine flache Welle in den Nebel hinein. Gegenüber steigen die Gailtaler Alpen aus dem Dunst, dunkelgrün bis hinauf zur Waldgrenze. Das Wasser ist so klar, dass man die Steine am Grund zählen könnte, wenn die Hand nicht zittern würde. Kalt ist es trotzdem nicht, mitten im August fühlt es sich an wie lauwarmes Leitungswasser. Und noch schwimmt niemand.

Die Stille ist kein Zufall

Sie ist beschlossen worden. Der Weissensee liegt auf rund 930 Metern Seehöhe im Kärntner Oberland und zählt damit zu den höchstgelegenen Badeseen der Alpen. Etwa zwei Drittel seiner Ufer sind unverbaut geblieben, das Ostufer steht zusätzlich als Naturschutzgebiet unter besonderem Schutz, und die ganze Region trägt den Titel Naturpark.

Am deutlichsten hörst du den Unterschied beim Bootsverkehr. Privater Motorbootbetrieb findet auf dem Weissensee nicht statt. Unterwegs sind die Linienschiffe mit Elektroantrieb, dazu Ruder-, Tret- und Elektroboote der Verleiher. Dazu kommt, dass keine Ringstraße den See umschließt, es gibt also auch keinen Verkehrslärm, der das Ufer begleitet. Das Wasser hat Trinkwasserqualität, die Sichttiefe reicht mehrere Meter hinunter, und im Hochsommer wird der See wärmer, als man ihm in dieser Höhe zutraut.

Für Gäste heißt das vor allem eines: Der See gibt das Tempo vor, nicht die Ausrüstung. Geschwommen wird weit hinaus, ohne dass jemand kreuzt. Gerudert wird früh oder abends, gefischt wird nach alter Tradition, die Reinanke aus dem Weissensee steht in den Gasthäusern der Gegend auf jeder zweiten Karte. Wer Trubel auf dem Wasser sucht, ist am falschen See gelandet.

Zwei Ufer, zwei Tempi

Der See ist gut elf Kilometer lang und selten breiter als einen halben Kilometer, eine schmale, tief eingeschnittene Wanne zwischen bewaldeten Hängen. Alles, was nach Ort aussieht, liegt am Westende. Techendorf mit seiner Brücke über den See, dazu Neusach und Praditz, Bootsverleihe, Strandbäder, Gasthäuser, die Talstation der Bergbahn.

Wer dort wohnt, hat kurze Wege. Vom Südufer führt ein flacher Uferweg nach Praditz, gut drei Kilometer weit, barrierefrei angelegt, mit Infotafeln und Bänken am Wasser. In die Höhe geht es zur Naggler Alm auf gut 1300 Metern: zu Fuß ungefähr eine Stunde bergauf, bequemer mit dem Sessellift. Von oben sieht man erst, wie schmal dieser See in Wirklichkeit ist, ein türkiser Streifen zwischen zwei Waldflanken.

Die andere Seite gibt es nur zu Fuß oder per Schiff

Je weiter du nach Osten kommst, desto weniger ist da. Irgendwann hören die Häuser auf, dann endet die Straße. Zwischen West- und Ostufer besteht keine Straßenverbindung, eine Umrundung mit dem Auto ist schlicht nicht möglich. Das Ostufer erreichst du zu Fuß über den Uferweg oder mit dem Schiff, das dort am Anleger Dolomitenblick hält, der einzigen Anlegestelle drüben.

Die naheliegende Kombination: mit dem Schiff hinüber, zu Fuß am Wasser entlang zurück, oder eben andersherum. Der Weg verläuft dicht am Ufer, meist im Wald, ohne nennenswerte Steigung, und ist deshalb auch mit Kindern machbar. Zwischendurch öffnet sich der Blick nach Westen. Bei klarer Sicht stehen die Lienzer Dolomiten am Horizont. Badestellen findest du unterwegs, Kioske nicht. Also Wasser und Jause einpacken.

Wie weit du gehst, entscheidest du dabei selbst. Der Uferweg lässt sich als kurze Strecke bis zur nächsten Bucht laufen oder als halber Tag mit Pausen im Wasser. Der Schiffsfahrplan ist der einzige Fixpunkt, an den du dich halten musst. Ein Blick darauf vor dem Losgehen erspart den Rückweg zu Fuß, wenn die Beine schon schwer sind.

Hinkommen, ohne das Auto zu brauchen

Der Bahnhof Greifenburg-Weissensee liegt an der Strecke zwischen Spittal und Lienz, rund zehn Kilometer vom See entfernt. Von dort fahren Busse hinauf ins Tal, viele Häuser holen ihre Gäste zu vereinbarten Zeiten auch selbst ab. Innerhalb der Saison verkehrt ein Naturparkbus in dichtem Takt entlang des Westufers, für Übernachtungsgäste meist ohne Zusatzkosten.

Das ist der eigentliche Luxus hier: Du kannst das Auto stehen lassen und verpasst dabei nichts. Wer trotzdem fährt, sollte einplanen, dass die Zufahrt über eine kurvige Bergstraße führt und die Parkplätze an heißen Wochenenden früh belegt sind.

Wann du kommen solltest, und was es kostet

Die Badesaison ist kurz und dicht. Von Anfang Juli bis Ende August ist das Wasser warm genug für lange Schwimmzüge, und genau in diesen Wochen ist auch am meisten los. Juni und September sind der ruhigere Kompromiss: kühleres Wasser, leere Wege, klarere Luft über den Bergen.

Preislich liegt der Weissensee im oberen Feld der Kärntner Seen. Das hat einen einfachen Grund. Weil so wenig verbaut werden durfte, ist das Bettenangebot klein, die Nachfrage im Sommer aber groß, und viele Gäste buchen ein Jahr im Voraus dieselbe Woche neu. Wer den Rahmen drücken will, reist in der Zwischensaison, nimmt eine Ferienwohnung statt Halbpension und baut den Urlaub aus Wandern, Baden und Schifffahrt statt aus Programm.

Im Winter kippt der Charakter des Sees komplett. Er friert in vielen Jahren zuverlässig zu, ein Eismeister prüft die Tragfähigkeit täglich und gibt Flächen Stück für Stück frei. Bei guter Eislage entsteht hier die größte präparierte Natureisfläche Europas, mit Bahnen quer über den ganzen See. Das ist keine Winterversion desselben Urlaubs, das ist eine eigene Reise.

Gegen acht hebt sich das Nebelband. Das Ruderboot ist längst weit draußen, ein heller Punkt vor dunklem Wald, und vom Steg geht der erste Sprung ins Wasser, laut und einzeln zu hören. Bis Mittag wird die Bucht voll sein, mit Handtüchern, Kindern, Luftmatratzen. Das Geräusch, das hier fehlt, fehlt trotzdem den ganzen Tag.

Von hier aus weiter

Welcher Kärntner See zu dir passt, hängt vor allem davon ab, ob du Trubel suchst oder meidest. Der Vergleich Wörthersee oder Millstätter See ordnet die beiden großen Alternativen ein. Alle Seen, Reviere und Routen der Region findest du in der Übersicht Österreichs Seen.