Kurz vor der Fehmarnsundbrücke hält der Kombi noch einmal am Straßenrand. Auf dem Beifahrersitz leuchtet die Wind-App: Südwest, auffrischend. Im Kofferraum liegen zwei Kites, ein Board und ein Neoprenanzug, der noch feucht vom Vortag riecht. „Gold oder Grüner Brink?", fragt die Fahrerin, halb zu sich selbst. Vor der Windschutzscheibe spannt sich die Brücke über den Sund, dahinter wartet die Insel. Und mit ihr eine Entscheidung, die über den ganzen Tag bestimmt.
So geht es fast jedem, der zum ersten Mal als Anfänger einen Kitespot auf Fehmarn sucht. Die Insel hat rund um ihre Küste eine ganze Reihe von Revieren, doch für Einsteiger läuft die Wahl meist auf diese zwei hinaus. Sie hängt an einem einzigen Faktor: der Windrichtung. Gold im Südwesten funktioniert bei West- und Südwestlagen, der Grüne Brink im Norden bei Nord und Ost. Wer das verinnerlicht, braucht morgens nur noch einen Blick auf den Windpfeil.
Gold: Flachwasser an der Südwestküste
Gold liegt an der Südwestseite der Insel und ist so etwas wie das Klassenzimmer von Fehmarn. Vor dem Ufer erstreckt sich ein großes Flachwasserfeld mit weitem Stehbereich, in dem Kiteschulen ihre Anfängerkurse abhalten. Kommt der Wind aus Südwest oder West, streicht er hier verlässlich übers Revier, und genau diese Richtungen liefert die Ostsee am häufigsten.
Die Infrastruktur macht den Einstieg leicht. Am großen Parkplatz gibt es Sanitäranlagen und einen Imbiss, von dort sind es rund zweihundert Meter zu Fuß ans Wasser. Wer nach dem Kurs die ersten eigenen Schläge fahren will, findet im hüfttiefen Wasser jederzeit Boden unter den Füßen. Das spart Schwimmerei, Kraft und Frust.
Pro:
- Großes Stehrevier mit glattem Flachwasser, ideal für Wasserstart und Höhefahren
- Kiteschulen und Verleih direkt am Spot
- Läuft bei Südwest und West, den häufigsten Windrichtungen an der Ostsee
- Parkplatz, Sanitäranlagen und Imbiss in Gehweite
Contra:
- An guten Windtagen voll, viele Schüler teilen sich das Flachwasser
- Der Fußweg vom Parkplatz zieht sich mit komplettem Material
- Bei Nord- und Ostlagen nur zweite Wahl
Grüner Brink: Stehrevier am Nordufer
Ortswechsel, einmal quer über die Insel. Der Grüne Brink liegt an der Nordküste und ist die Antwort auf alle Tage, an denen der Wind aus Nord oder Ost kommt. Eine Steinmole im Osten und ein sehr flacher Bereich im Westen schirmen den Einstieg ab, dahinter öffnet sich ein weitläufiges Stehrevier. Selbst bei kräftigem Wind bleibt das Wasser hier vergleichsweise ruhig.
Der flache Westteil gehört allerdings nicht den Kitern. Direkt neben dem Spot beginnt ein Naturschutzgebiet, in dem zahlreiche Vogelarten brüten und rasten. Es darf weder betreten noch mit dem Kite durchquert werden, auch ein Teil der Wasserfläche ist gesperrt. Dazu kommt im Sommer eine bewachte Badezone, die für Surfer tabu bleibt. Wer hier fährt, muss die Zonen vor dem ersten Start kennen.
Pro:
- Weitläufiges, von Mole und Flachbereich geschütztes Stehrevier
- Funktioniert bei Nord- und Ostwind, wenn Gold schwächelt
- Ruhigeres Lernwasser mit weniger Schulbetrieb
Contra:
- Naturschutzgebiet und gesperrte Wasserflächen verlangen Aufmerksamkeit
- Im Hochsommer schränkt die Badezone das Revier zusätzlich ein
- Bei Südwest- und Westlagen die schwächere Option
Der direkte Vergleich
| Gold | Grüner Brink | |
|---|---|---|
| Lage | Südwestküste | Nordküste |
| Beste Windrichtung | Südwest bis West | Nord bis Ost |
| Wasser | großes Flachwasserfeld mit Stehbereich | geschütztes Stehrevier hinter der Mole |
| Lernumfeld | Schulbetrieb, viel Betrieb an Windtagen | ruhiger, dafür Sperrzonen beachten |
| Infrastruktur | Parkplatz, Sanitär, Imbiss | einfacher gehalten |
Wann welche Wahl passt
Nimm Gold, wenn du einen Kurs buchen willst, wenn die Vorhersage Südwest oder West zeigt oder wenn du Wert auf kurze Wege und Infrastruktur legst. Für die allerersten Wasserstarts ist der Schulbetrieb dort eher Sicherheitsnetz als Störung.
Nimm den Grünen Brink, wenn der Wind auf Nord oder Ost dreht, wenn du schon eigenständig fährst und ein ruhiges Stehrevier zum Üben suchst. Lies vorher die Spotregeln und halte Abstand zum Schutzgebiet, die Rastvögel waren zuerst da.
Die ehrlichste Antwort lautet ohnehin: beide. Fehmarn ist klein, zwischen den Spots liegt nur eine kurze Autofahrt, und wer eine Woche bleibt, wechselt einfach mit dem Wind. Die Saison läuft wie überall an der Ostsee von Mai bis Oktober, mit den verlässlichsten Windphasen im Frühjahr und Herbst. Ein Neoprenanzug gehört zu jeder Jahreszeit ins Gepäck.
Von hier aus weiter
Wie sich die Ostsee-Reviere westlich und östlich von Fehmarn schlagen, zeigt der Beitrag über Zingst und Rügen. Wer für die ersten Meter ein noch größeres Stehrevier sucht, findet es in Workum am IJsselmeer. Alle Reviere im Überblick versammelt die Cluster-Übersicht Kitesurf-Spots.
