Vormittag am Štrbački buk, die Sonne steht noch schräg über dem Tal. Schon auf dem Holzsteg, hundert Meter vor der Kante, legt sich feiner Wasserstaub auf die Arme. Er kühlt, ohne nass zu machen. Dann öffnet sich der Blick: Die Una fällt hier nicht in einem Strahl, sie fächert sich über breite Kalkstufen auf, Kaskade unter Kaskade, gut zwanzig Meter in die Tiefe.
Das Wasser hat eine Farbe, für die es kein gutes Wort gibt. Ein helles Grün mit milchigem Schimmer, als hätte jemand Licht hineingerührt. In den ruhigen Becken zwischen den Stufen kann man bis auf den Grund sehen. Am Rand steht ein Angler aus Bihać und schaut mehr auf den Fall als auf seine Schnur.
Um diese Uhrzeit teilst du dir die Stege mit einer Handvoll Leute. Das Rauschen ist so laut, dass Gespräche automatisch kürzer werden. Man zeigt, man nickt, man bleibt stehen. Der Štrbački buk ist der bekannteste Punkt des Una-Nationalparks im äußersten Nordwesten von Bosnien-Herzegowina, und er ist erst der Anfang.
Ein Fluss, der sich selbst Stufen baut
Die Una ist ein Karstfluss, und das erklärt fast alles an diesem Park. Ihr Wasser ist reich an gelöstem Kalk, der sich an Moosen und Wurzeln ablagert und über lange Zeiträume zu Travertin verfestigt. So baut der Fluss seine eigenen Barrieren: Schwellen, Inseln, Stufen. Wo eine Barriere wächst, entsteht ein Fall, dahinter ein stilles Becken.
Dasselbe Prinzip formt die Plitvicer Seen auf der kroatischen Seite. Nur dass die Una kein Seensystem ist, sondern ein Fluss mit Zug und Strömung, der zwischen seinen Kaskaden richtig Tempo aufnimmt. Der Park schützt den Oberlauf mit seinen Schluchten, dazu die Nebenflüsse Krka und Unac. Wer nur den einen Wasserfall abhakt, verpasst den Zusammenhang.
Martin Brod, wo das Wasser die Wäsche wäscht
Ortswechsel, eine gute halbe Stunde flussaufwärts. Martin Brod ist ein Dorf, durch das der Fluss in Dutzenden Armen läuft, und hier liegt der größte Wasserfallkomplex des Parks. Kein einzelner Vorhang, sondern ein Gewirr aus Fällen, Rinnen und bewachsenen Inseln, das sich über mehrere hundert Meter zieht. Zwischen den Häusern gurgelt es aus allen Richtungen.
Am Ufer stehen hölzerne Bučnicas, traditionelle Waschtröge, in denen die Strömung Teppiche und Decken walkt, ganz ohne Waschmittel. Eine Frau hängt gerade eine Decke über das Geländer und sagt im Vorbeigehen: "Das Wasser macht das besser als jede Maschine." Martin Brod ist ruhiger als der Štrbački buk und wirkt eher wie ein bewohnter Garten als wie ein Aussichtspunkt.
Auf dem Wasser statt am Geländer
Die Una ist einer der bekannten Raftingflüsse des Landes, und das Prinzip ist einfach: Du fährst den Fluss in Etappen ab, geführte Boote, Neopren, Helm. Es gibt ruhige Abschnitte zum Treibenlassen und Passagen mit ordentlich Wildwasser, je nach Strecke und Wasserstand. Anbieter sitzen rund um Bihać, die Auswahl vor Ort ist unkompliziert.
Vom Boot aus verändert der Park den Maßstab. Die Schlucht rückt näher, die Travertinschwellen werden zu Wellen, über die das Boot rutscht. Wer nicht paddeln will, findet an mehreren Stellen flache Kiesbuchten zum Baden. Das Wasser bleibt auch im Sommer frisch, deutlich unter dem, was das Mittelmeer um diese Zeit bietet.
Anreise über Bihać
Das Tor zum Park ist Bihać, die größte Stadt der Region, wenige Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt. Von Zagreb fährst du in gut zwei Stunden hierher, aus München oder Wien ist es eine lange Tagesetappe mit dem Auto. Bihać selbst hat Unterkünfte in allen Kategorien und ein Flussufer, an dem sich der Abend gut aushalten lässt.
Zum Štrbački buk führt der übliche Weg von Bihać Richtung Orašac zum Parkeingang bei Ćelije. Die letzten Kilometer sind schmal, teils Schotter, mit Gegenverkehr auf Sicht. Mit einem normalen Pkw machbar, nur eben langsam. Martin Brod erreichst du über die Straße Richtung Kulen Vakuf, einem alten Städtchen an der Una, das sich als Zwischenstopp anbietet.
Beste Zeit und Kostenrahmen
Die Wasserfälle sind im Frühjahr am mächtigsten, wenn Schmelzwasser den Fluss füllt und der Wasserstaub bis auf die oberen Stege weht. Der Sommer bringt stabiles Wetter, wärmeres Wasser und die Hauptsaison fürs Rafting. Der Herbst färbt die Wälder über den Schluchten und leert die Stege. Nur im Winter ist der Zugang eingeschränkt, dann liegt die Region oft unter Schnee.
Zu den Kosten: Der Park verlangt Eintritt an den Eingängen, dazu kommen Parkgebühren und gegebenenfalls die Raftingtour. Insgesamt bleibt ein Tag hier deutlich unter dem, was vergleichbare Naturziele in Kroatien oder Österreich kosten. Übernachten und Essen in Bihać sind günstig, bezahlt wird in Konvertibler Mark, Karten werden nicht überall genommen.
Die Plitvice-Kombination
Ein Blick auf die Karte lohnt sich. Die Plitvicer Seen liegen nur eine gute Autostunde entfernt auf der anderen Seite der Grenze. Wer ohnehin dort ist, kann den Una-Nationalpark als zweiten Tag anhängen und erlebt denselben Karst mit einem Bruchteil der Besucher. Deutschsprachige Reiseführer behandeln die Una bisher kaum, entsprechend selten hörst du hier Deutsch.
Der Grenzübertritt bei Izačić ist unspektakulär, Reisepass oder Personalausweis genügen, die Wartezeiten sind meist kurz. Bosnien-Herzegowina gehört nicht zur EU, das solltest du bei Mobilfunk und Bargeld einplanen.
Am frühen Nachmittag, zurück am Štrbački buk, stehen mehr Leute auf den Stegen. Der Angler ist weg. Der Wasserstaub liegt noch immer in der Luft, das Grün leuchtet jetzt in der hohen Sonne noch eine Spur heller. Man geht hier nicht weg, weil man genug gesehen hat. Man geht, weil irgendwann der Tag zu Ende ist.
Von hier aus weiter
Der Una-Nationalpark ist ein Baustein für eine größere Reise durch das Land. Einen Überblick über Routen und Regionen gibt die Cluster-Übersicht Bosnien-Herzegowina. Wie sich die Hauptstadt an einem verlängerten Wochenende anfühlt, steht im Artikel über Sarajevo an einem Wochenende.
