Gegen Mittag riecht die Luft über dem Stari Most nach Sonnencreme und gegrilltem Fleisch aus den Gassen. Auf dem glatt polierten Kalkstein des Brückenbogens schieben sich die Besucher in beide Richtungen, ein Mann im nassen Badeslip steht auf dem Geländer und wartet, bis der Hut mit den Scheinen voll genug ist. Unten zieht die Neretva grün und still ihre Bahn.
Viele reisen genau für dieses Bild an, bleiben zwei Stunden und fahren zurück an die Küste. Wer dagegen in Mostar übernachtet, steht bald vor der nächsten Frage: Was macht man hier eigentlich am zweiten Tag? Die Antwort liegt nicht in der Stadt selbst, sondern in einem Umkreis von einer knappen Autostunde.
Warum Mostar mittags überläuft
Mostar ist das klassische Tagesausflugsziel der Adriaküste. Busse aus Dubrovnik, Split und von der Makarska-Riviera treffen am späten Vormittag ein, und weil die osmanische Altstadt kaum mehr als ein paar Gassen rund um die Brücke umfasst, verdichtet sich alles auf denselben Metern. Der Basar Kujundžiluk mit seinen Kupferschmieden und Souvenirständen wird dann zur Einbahnstraße.
Die Brücke selbst trägt ihre Geschichte offen. Der osmanische Bogen wurde im Bosnienkrieg zerstört und später originalgetreu aus Stein wieder aufgebaut, heute gehört die Altstadt mit der Brücke zum UNESCO-Welterbe. Einschusslöcher in Fassaden ein paar Straßen weiter erzählen, wie nah das alles noch ist. Genau deshalb lohnt Mostar mehr Zeit als eine Mittagspause.
Die Brücke gehört dem frühen Morgen und dem Abend
Das Prinzip ist einfach: Sieh die Altstadt, bevor die Busse kommen oder nachdem sie weg sind. Am frühen Morgen hast du den Bogen fast für dich, das Licht steht tief über der Neretva, und die Ladenbesitzer räumen erst ihre Auslagen heraus. Abends, wenn die Tagesgäste zurück Richtung Küste rollen, füllen sich die Terrassen über dem Fluss mit einem viel ruhigeren Publikum.
Die Brückenspringer erlebst du dagegen am ehesten zur vollen Stunde des Nachmittags. Die Männer des örtlichen Clubs springen aus rund 24 Metern in den kalten Fluss, aber erst, wenn genug Spenden gesammelt sind. Das wirkt auf den ersten Blick wie Show. Tatsächlich steht dahinter eine lange Tradition junger Mostarer, die mit dem Sprung ihren Mut beweisen.
Plane die Stadt also zweigeteilt: Gassen, Moscheen und Brücke am Morgen, dann raus ins Umland, abends zurück auf eine Terrasse mit Blick auf den beleuchteten Bogen. So bekommst du beide Gesichter der Stadt und ersparst dir das Gedränge dazwischen.
Blagaj: das Derwisch-Kloster an der Buna-Quelle
Der erste Ausflug ist der kürzeste. Blagaj liegt nur wenige Kilometer südöstlich von Mostar, und der Weg endet an einem Ort, der auf Fotos kaum glaubwürdig wirkt: Unter einer fast zweihundert Meter hohen Felswand tritt die Buna als fertiger Fluss aus einer Höhle, kalt, klar und kräftig. Die Quelle zählt zu den stärksten Karstquellen Europas.
Direkt an das Wasser geduckt steht die Tekija, ein Derwisch-Kloster aus osmanischer Zeit, weiß gekalkt, mit Holzveranden über dem Fluss. Innen besichtigst du Gebetsräume und schlichte Wohnkammern, für den Besuch gilt bedeckte Kleidung. Wer mag, lässt sich mit dem Boot ein Stück in die Quellhöhle rudern oder setzt sich in eines der Forellenrestaurants am Ufer. Ein halber Tag reicht, ideal als Nachmittag nach dem Altstadtmorgen.
Počitelj und Kravica: die Südschleife
Der zweite Tag führt die Neretva hinab Richtung Küste. Erster Halt ist Počitelj, ein befestigtes osmanisches Dorf, das sich wie ein steinernes Amphitheater an den Hang über dem Fluss legt. Steintreppen führen zwischen alten Häusern hinauf zur Moschee und weiter zum Wehrturm, von dessen Zinnen du das grüne Flusstal überblickst. An den Treppen verkaufen Frauen aus dem Dorf Granatäpfel und getrocknete Feigen. Eine gute Stunde reicht für den Rundgang, mehr Fläche hat der Ort nicht.
Von Počitelj sind es rund vierzig Minuten Fahrt nach Westen zu den Kravica-Wasserfällen. Der Fluss Trebižat stürzt hier über einen breiten Bogen aus Tuffstein etwa 25 Meter in ein weites Becken, dutzende Kaskaden nebeneinander, gerahmt von Grün. Anders als an vielen Wasserfällen darfst du hier ins Wasser. Bring Badesachen mit und rechne damit, dass dir der erste Sprung den Atem nimmt. Am Ufer gibt es Liegezonen und einfache Lokale, Kajaks lassen sich leihen. Als Runde gerechnet bist du mit Bade- und Essenspausen einen vollen Tag unterwegs, ehe du am Abend wieder in Mostar einrollst.
Grenzen: ohne Auto und im Hochsommer
Ohne eigenes Fahrzeug wird die Südschleife mühsam, öffentliche Busse fahren die Ziele nur lückenhaft an. Die pragmatische Lösung sind geführte Tagestouren ab Mostar, die Blagaj, Počitelj und Kravica in einer Runde kombinieren. Du tauschst dabei Flexibilität gegen Bequemlichkeit, gerade an den Wasserfällen hängst du dann am Zeitplan der Gruppe.
Der Hochsommer setzt eigene Regeln. In der Herzegowina klettern die Temperaturen regelmäßig über 35 Grad, die Steintreppen von Počitelj liegen mittags voll in der Sonne, und an den Kravica-Fällen drängt sich um die Mittagszeit halb Mostar am Wasser. Dann gilt dieselbe Logik wie an der Brücke: früh starten, die heißen Stunden im Wasser oder im Schatten verbringen, die Besichtigungen an den Rand des Tages legen.
Weiter durchs Land
Mostar ist für viele der Einstieg nach Bosnien-Herzegowina, aber längst nicht das Ende. Wie du einreist, mit welchem Geld du bezahlst und was beim Fahren im Land zu beachten ist, bündelt der Artikel Bosnien praktisch. Alle Etappen zwischen Sarajevo, Neretva und Una findest du in der Bosnien-Herzegowina-Übersicht.
