Es gibt einen Moment, in dem Sichtbeton seine Gegner überrascht: nachmittags, bei tiefer Sonne. Dann bekommt die graue Wand plötzlich Relief. Man sieht die Abdrücke der Holzbretter, in die der Beton einst gegossen wurde, jede Maserung, jeden Astansatz, wie ein Fossil des Bauprozesses. Das Material, das eben noch tot wirkte, zeigt auf einmal seine Herkunft. Genau in solchen Momenten beginnt ein Zugang zur Moderne.
Was die Moderne eigentlich wollte
Um moderne Architektur zu verstehen, muss man wissen, wogegen sie antrat. Die Städte des neunzehnten Jahrhunderts waren hinter ihren Prunkfassaden oft elend: dunkle Hinterhöfe, überbelegte Wohnungen, kaum Licht und Luft. Der Stuck am Vorderhaus zahlte keine Miete für die Menschen im Keller.
Die Antwort der Moderne war radikal: Weg mit dem Ornament, her mit Licht, Luft und Sonne für alle. Große Fenster, freie Grundrisse, Dächer als Terrassen. Das Flachdach und die weiße Wand waren keine Geschmacksfragen, sondern ein soziales Versprechen. Wer das weiß, sieht ein Bauhaus-Gebäude anders an.
Beton, ehrlich gemacht
Beton kann fast jede Form annehmen, und genau darin liegt seine Würde wie sein Fluch. Die Nachkriegszeit hat mit ihm schnell und billig gebaut, oft lieblos, und dieser Ruf klebt am Material. Aber Beton kann mehr. Er kann schwingen, auskragen, sich falten, er trägt Spannweiten, an denen Stein scheitern würde.
Der Brutalismus trieb das auf die Spitze. Der Name leitet sich vom rohen Beton her, nicht von Brutalität. Diese Bauten verstecken nichts: Man sieht, wie sie gemacht sind, wo die Schalung saß, wie die Kräfte laufen. Das ist eine eigene Form von Ehrlichkeit. Man kann sie schroff finden. Verlogen ist sie nie.
Eine kleine Sehschule für Skeptiker
Wer mit einem modernen Gebäude nichts anfangen kann, dem helfen drei Übungen. Erstens: die Proportionen prüfen. Wie verhalten sich Fensterflächen zu Wandflächen, wie die Geschosse zueinander? Gute Moderne ist so genau proportioniert wie eine klassizistische Fassade, nur ohne deren Kostüm.
Zweitens: das Licht beobachten. Moderne Bauten sind für wandernde Schatten entworfen, ihre Wirkung ändert sich mit der Tageszeit stärker als bei ornamentierten Fassaden. Drittens: hineingehen, wenn möglich. Viele dieser Häuser sind von innen nach außen gedacht. Ein Raum, der von zwei Seiten Licht bekommt, erklärt mehr über die Moderne als jede Fassadenansicht.
Das Recht auf ein eigenes Urteil
Nichts davon verpflichtet zur Begeisterung. Es gibt misslungene moderne Gebäude in großer Zahl, monoton, schlecht gealtert, rücksichtslos in ihre Umgebung gestellt. Das darf man sagen, auch gegen den Chor der Fachleute.
Aber das Urteil sollte auf Sehen beruhen, nicht auf Reflex. Wer einem Betonbau dieselbe Aufmerksamkeit schenkt wie einer Barockkirche, die drei Fragen stellt, hinschaut, abwartet, der behält vielleicht seine Ablehnung. Oft genug aber passiert etwas anderes: Aus dem grauen Klotz wird ein Gebäude mit Absichten. Und mit Absichten kann man sich auseinandersetzen.
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Wie sich die Moderne in die lange Reihe der Epochen einfügt, zeigt der Beitrag zum Erkennen von Baustilen. Die Grundfragen, mit denen sich jedes Gebäude befragen lässt, versammelt die Übersicht zum Architektur-Verstehen. Und wer Betonbauten in der eigenen Umgebung aufspüren will, nimmt am besten den Architektur-Spaziergang durch die eigene Stadt als Anleitung mit.
