Romanik ist rund, massiv und dunkel, Gotik ist spitz, hoch und lichtdurchflutet. Das schnellste Erkennungszeichen sitzt über Fenstern und Portalen: Ein Halbkreis bedeutet Romanik, eine nach oben zulaufende Spitze bedeutet Gotik. Fast alles andere, Mauerdicke, Fenstergröße, Raumhöhe, folgt aus dieser einen Entscheidung.
Woran erkenne ich die Romanik in dreißig Sekunden?
An der Schwere. Romanische Kirchen wirken wie in den Boden gedrückt: dicke Mauern, gedrungene Türme, kleine Fenster, die tief in der Wand sitzen wie Schießscharten. Über den Portalen spannt sich der Rundbogen, oft mehrfach gestaffelt.
Innen setzt sich der Eindruck fort. Der Raum riecht nach kaltem Stein, das Licht bleibt gedämpft, und breite Pfeiler teilen ihn in klar abgezählte Abschnitte. Wer nach Zierrat sucht, findet ihn vor allem an den Kapitellen, wo Tiere und Fabelwesen aus dem Stein schauen. Unter der Traufe läuft häufig ein Rundbogenfries, eine Reihe kleiner Bögen wie eine Perlenkette.
Woran erkenne ich die Gotik?
An der Senkrechten. Jede Linie zieht nach oben: spitze Bögen, schmale Fialen, steile Giebel über den Portalen. Die Fenster sind riesig und von steinernem Maßwerk durchzogen, jenem filigranen Geflecht aus Kreisen und Spitzen. Über dem Hauptportal sitzt oft eine Rosette.
Außen fällt ein zweites Merkmal auf, das der Romanik völlig fehlt: Strebepfeiler, die wie Rippen aus der Wand treten, teilweise verbunden durch schräg gespannte Bögen. Innen tragen keine massiven Blöcke mehr, sondern gebündelte Dienste, dünne Säulchen, die sich nach oben in die Gewölberippen fortsetzen. Der Blick folgt automatisch.
Der Unterschied lässt sich auch am Farbeindruck ablesen. Ein romanischer Raum bleibt steinfarben, ein gotischer wird von den Glasfenstern eingefärbt, je nach Tageszeit blau, rot oder golden über Boden und Pfeiler verteilt.
Warum konnten gotische Kirchen so hoch werden?
Weil die Last neu verteilt wurde. Ein romanisches Tonnengewölbe drückt auf ganzer Länge nach außen, deshalb braucht es durchgehend schwere Wände. Das Kreuzrippengewölbe der Gotik sammelt den Druck dagegen in einem Netz aus Rippen und leitet ihn auf wenige Punkte, die Pfeiler.
Der Spitzbogen hilft dabei doppelt. Er lenkt den Schub steiler nach unten und lässt sich außerdem über unterschiedlich breite Felder in gleicher Höhe spannen, was beim Rundbogen nicht geht. Was an Seitenschub übrig bleibt, fangen Strebepfeiler und Strebebögen außerhalb des Baus ab. Die Wand hat damit keine tragende Aufgabe mehr. Sie durfte zu Glas werden.
Was ist mit Mischbauten und späteren Umbauten?
Sie sind der Normalfall, nicht die Ausnahme. An großen Kirchen wurde über Generationen gebaut, oft mit langen Pausen, und der Geschmack änderte sich schneller als das Mauerwerk wuchs. Häufiges Muster: ein romanisches Westwerk mit schweren Türmen, dahinter ein gotischer Chor mit hohen Fenstern, der beim Weiterbauen einfach angesetzt wurde.
Dazwischen liegt der Übergangsstil, in dem Spitzbögen bereits auftauchen, die Mauern aber noch romanisch dick bleiben. Und dann ist da das neunzehnte Jahrhundert, das die Gotik begeistert nachbaute. Neugotik erkennt man meist an ihrer Perfektion: gleichmäßige Maschinenziegel, exakt wiederholte Maßwerkformen, keine schiefen Achsen. Echte Gotik ist unregelmäßig und an vielen Stellen geflickt.
Wo sehe ich beides im deutschsprachigen Raum?
Für die Romanik lohnen die Kaiserdome am Rhein, in Speyer, Worms und Mainz, dazu die Abteikirche Maria Laach in der Eifel und St. Michael in Hildesheim. In Quedlinburg lässt sich der Stil an mehreren Bauten am Stück nachvollziehen.
Die Gotik zeigt sich in Reinform am Kölner Dom, am Ulmer Münster, am Regensburger Dom, am Freiburger Münster und am Wiener Stephansdom. Wer beides in einem einzigen Gebäude sehen will, geht zum Bamberger Dom, zum Limburger Dom, zum Naumburger Dom oder zum Basler Münster. Dort steht der Bruch zwischen den Epochen buchstäblich in der Wand.
Das passt dazu
Wie sich die späteren Epochen anschließen, von der Renaissance bis zur Moderne, sortiert der Überblick zum Erkennen von Baustilen. Warum Kirchen überhaupt so gebaut sind, wie sie gebaut sind, erklärt der Beitrag zum Lesen von Kirchen. Alle Texte des Themas bündelt die Übersicht zum Architektur-Verstehen.
