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Architektur

Woran erkennt man Jugendstil?

Geschwungene Linien, Blüten aus Fliesen, Schrift wie gemalt: An diesen Merkmalen erkennst du Jugendstil an fast jeder Fassade.

Von Maia Brandt AI generiert · Aktualisiert am

Aquarell: Jugendstilfassade mit geschwungenen Fenstern und Blumenornamenten, ein Passant blickt hinauf.
Bild: KURaiTOR / KI-generiert

Linke Wienzeile, Vormittag, vom Naschmarkt her riecht es nach Kaffee und Obst. Zwischen den Marktständen hebt jemand den Blick, und plötzlich blüht ein ganzes Haus: Rosenranken, gemalt auf glänzende Fliesen, ziehen sich über die komplette Fassade bis unters Dach. Die Balkongitter schwingen wie Wasserpflanzen. Das Gebäude heißt Majolikahaus, und wer davor steht, will wissen, was das für ein Stil ist.

Dieselbe Frage stellt sich öfter, als man denkt. Vor einer alten Stadtbahn-Station, in einer Seitenstraße von Riga, vor einem Hauseingang mit merkwürdig geschwungener Tür in der eigenen Stadt. Irgendetwas an diesen Bauten wirkt weicher und verspielter als alles ringsum. Nur woran genau erkennt man Jugendstil, und wie unterscheidet man ihn von den vielen anderen verzierten Fassaden aus derselben Zeit?

Eine junge Kunst gegen das ewige Kopieren

Um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert hatten viele junge Architekten genug. Jahrzehntelang waren Fassaden mit geliehener Geschichte dekoriert worden: Säulen wie in Rom, Giebel wie in der Renaissance, Zinnen wie an Ritterburgen. Der Jugendstil brach damit. Statt alte Formen zu zitieren, erfand er neue, und er holte sie sich aus der Natur, aus Stängeln, Knospen, Wellen und Insektenflügeln.

Dazu kamen Materialien, die am Wohnhaus vorher kaum sichtbar waren: Eisen, große Glasflächen, glasierte Keramik. Und ein Anspruch, der bis heute verblüfft. Ein Jugendstilhaus sollte ein Gesamtkunstwerk sein, vom Grundriss bis zum Türgriff. Genau deshalb lohnt der Blick auf Details, die man sonst übersieht.

Die Linie verrät den Stil

Das sicherste Erkennungszeichen ist die Linie. Jugendstil-Ornamente schwingen, ranken und fließen, als wüchsen sie aus der Wand. Typisch ist ein langgezogener, elastischer Schwung, wie ihn ein Pflanzenstängel im Wind beschreibt. Wo ältere Fassaden ihre Zierformen symmetrisch stapeln, lässt der Jugendstil sie wandern: gern asymmetrisch, gern quer über die Fläche, manchmal über Stockwerksgrenzen hinweg.

Auch die Motive sind eigen. Schwertlilien, Mohnblumen und Seerosen kehren immer wieder, dazu Libellen, Pfauen, Schwäne und Frauenköpfe mit wehendem Haar. Wer eine Fassade betrachtet und eher an einen Garten denkt als an einen Tempel, steht mit hoher Wahrscheinlichkeit vor Jugendstil.

Fliesen, Fenster und Schrift am Bau

Das zweite Merkmal ist die Oberfläche. Jugendstilfassaden tragen oft farbige Fliesen, Majolika oder Mosaike, manchmal Goldglanz zwischen Putzflächen. Schmiedeeisen spielt eine Hauptrolle: Geländer, Gitter und Aufzugskörbe winden sich wie Ranken. Fenster verraten den Stil ebenfalls. Ovale und dreigeteilte Formen kommen vor, geschwungene Rahmen, farbiges Glas im Oberlicht, Türen mit weichen, fast tropfenförmigen Ausschnitten.

Und dann die Schrift. Kaum ein Stil hat Buchstaben so ernst genommen. Hausnamen, Ladenaufschriften und Inschriften wurden mitentworfen, mit fließenden, ornamental gezogenen Lettern, die aussehen wie gemalt. Wer über einem Eingang einen solchen Schriftzug entdeckt, hat oft schon den Beweis in der Hand.

Ein Blick lohnt außerdem ins Treppenhaus, wenn die Tür gerade offen steht. Viele Jugendstilbauten bewahren dort, was die Straße nicht zeigt: Bodenfliesen mit Blütenmustern, geschwungene Handläufe, bemalte Wände, farbige Verglasungen im Stiegenfenster. Der Anspruch des Gesamtkunstwerks endete eben nicht an der Fassade, er setzte sich bis zur Wohnungstür fort.

Wo der Stil gehäuft steht

Am leichtesten übt man dort, wo Jugendstil in Serie gebaut wurde. Wien ist dafür der naheliegende Ort: Otto Wagner entwarf die Stationen der früheren Stadtbahn, dazu das Majolikahaus an der Wienzeile, und das Secessionsgebäude mit seiner goldenen Blätterkuppel wurde zum Wahrzeichen der Bewegung. Ein Spaziergang entlang dieser Bauten ersetzt ein halbes Lehrbuch.

Darmstadt zeigt die andere Seite: Auf der Mathildenhöhe errichtete eine Künstlerkolonie Wohnhäuser und Ausstellungsbauten als begehbares Programm. Und Riga führt vor, was der Stil im Stadtmaßstab kann. Rund ein Drittel der Innenstadt ist in dieser Epoche entstanden, die dichteste Sammlung findet sich in der Alberta iela. Doch auch ohne Reise wird man fündig: In fast jedem Gründerzeitviertel steht mindestens ein Haus, das aus der Reihe tanzt.

Verwechslungsgefahr: Historismus und Art déco

Nicht jede verzierte Fassade aus der Zeit ist Jugendstil. Der Historismus, sein direkter Vorgänger und Nachbar, schmückt ebenfalls reich, aber mit geliehenen Formen: antike Säulen, Dreiecksgiebel, Renaissancefenster, meist streng symmetrisch geordnet. Die Probe ist einfach. Wirkt das Ornament wie aus einem alten Baukatalog zitiert, ist es Historismus. Wirkt es erfunden und gewachsen, spricht das für Jugendstil. Beide Stile stehen häufig in derselben Straße nebeneinander, manchmal teilen sie sich sogar ein Haus, wenn nur das Erdgeschoss später modernisiert wurde.

Mit dem Art déco der Zwischenkriegszeit teilt der Jugendstil die Lust am Schmuck, nicht aber die Formensprache. Art déco denkt geometrisch: Zickzack, Sonnenstrahlen, gestufte Kanten, glatte Eleganz. Ein Sonderfall bleibt der späte Wiener Jugendstil selbst. Wagner und sein Umfeld arbeiteten zunehmend flächig und geometrisch, mit Quadraten und klaren Rastern. Hier hilft der Blick auf Material und Schrift, die weiterhin unverkennbar sind.

Von hier aus weiter

Jugendstil ist der dankbarste Einstieg in die Stilkunde, weil er so deutlich Farbe bekennt. Wie sich die übrigen Epochen voneinander unterscheiden, sortiert der Überblick zum Erkennen von Baustilen. Angewendet wird das Ganze am besten zu Fuß, mit den Routen aus dem Beitrag über den Architektur-Spaziergang durch die eigene Stadt. Alle Texte des Themas versammelt die Übersicht zum Architektur-Verstehen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Jugendstil und Art déco?

Die Richtung der Linie. Jugendstil schwingt organisch, seine Ornamente wirken gewachsen wie Pflanzen. Art déco kam später und setzt auf Geometrie: Zickzack, Strahlen, gestufte Kanten, klare Symmetrie.

Ist jedes verzierte Altbauhaus Jugendstil?

Nein, die meisten sind Historismus. Der schmückt mit geliehenen Formen älterer Epochen, etwa antiken Säulen und Renaissancegiebeln, meist streng symmetrisch. Jugendstil erfindet eigene Ornamente, vor allem aus Pflanzenformen.

Wo sehe ich besonders viel Jugendstil an einem Ort?

In Wien an den Bauten Otto Wagners, in Darmstadt auf der Mathildenhöhe und in Riga, wo rund ein Drittel der Innenstadt in diesem Stil gebaut ist. Einzelne Häuser stehen aber in fast jeder größeren Stadt.