Kurz nach Sonnenaufgang steht das Schilf am Kleinen Prespa-See noch ohne Wind. Das Wasser hat die Farbe von Zinn, dahinter steigen Berghänge auf, die um diese Zeit blaugrau wirken. Dann kommt Bewegung in die Fläche: Ein Trupp Krauskopfpelikane gleitet dicht über dem See heran, riesige Vögel mit zerzaustem Schopf, die Flügelschläge hört man, bevor man sie sieht. Sie landen im Schilfgürtel, das Wasser beruhigt sich, und wieder ist es still.
Das ist dieselbe Landeskarte, auf der weiter östlich Chalkidiki liegt, mit Strandbars und Liegenreihen. Hier oben, auf rund 850 Metern Höhe, gibt es nichts davon. Ein paar Dörfer aus Stein und Lehmziegeln, Felder mit Riesenbohnen, ein Fischerboot, das im Schilfkanal vertäut liegt. Wer im Sommer aus dem Küstentrubel kommt, braucht einen halben Tag, um das Tempo zu begreifen.
Der Kleine Prespa-See beherbergt die größte Brutkolonie der Krauskopfpelikane weltweit, dazu kommen Zwergscharben, Reiher und Gänse. Man muss kein Vogelkundler sein, um das zu merken. Es reicht, am Ufer zu stehen und zu zählen, wie oft sich etwas Großes aus dem Schilf erhebt.
Ein See, drei Länder
Die Prespa-Region ist ein Hochbecken im äußersten Nordwesten Griechenlands, und sie endet nicht an der Grenze. Durch den Großen Prespa-See verläuft das Dreiländereck: Griechenland, Albanien und Nordmazedonien teilen sich das Wasser. Vom griechischen Ufer bei Psarades blickt man auf Berge, die schon zu den Nachbarländern gehören.
Diese Lage erklärt die Stille. Die Region war lange Grenzland im strengen Sinn, abgeschieden und dünn besiedelt, und genau das hat die Natur konserviert. Heute arbeiten Schutzprojekte über die Grenzen hinweg, die Seen gelten als eines der wichtigsten Feuchtgebiete Europas. Für Reisende heißt das: wenige Betten, wenige Tavernen, viel Raum.
Über die schwimmende Brücke nach Agios Achillios
Im Kleinen Prespa-See liegt die Insel Agios Achillios, und der Weg dorthin ist selbst ein Erlebnis. Ein schwimmender Fußgängersteg führt vom Ufer durch den Schilfgürtel hinüber, ein paar hundert Meter über offenes Wasser, unter den Planken gluckst es. Autos bleiben zurück, drüben warten ein Dorf mit einer Handvoll Bewohnern und freilaufende Rinder.
Am Südende der Insel stehen die Ruinen der Basilika des Heiligen Achillios, erbaut im zehnten Jahrhundert, als der Zar Samuel hier seinen Herrschaftssitz hatte. Geblieben sind hohe Mauerbögen ohne Dach, durch die der Himmel scheint, davor Wiese und Seeblick. Eine Runde um die Insel dauert gemütlich zwei Stunden, mit Pausen für Pelikane und Ruinen entsprechend länger.
Kastoria: die Stadt, die vom Pelz lebte
Eine knappe Autostunde südöstlich wechselt die Szene. Kastoria liegt auf einer Halbinsel im Orestiada-See, die Altstadt schiebt sich amphitheatralisch die Hänge hinauf, und über allem hängt der Geruch von Seewasser und Kaffeeröstung. Die Stadt wurde über Jahrhunderte vom Pelzhandel getragen. Kürschnerwerkstätten verarbeiteten hier Felle für halb Europa, und die Händlerfamilien bauten sich am Hang herrschaftliche Wohnhäuser mit Erkern und bemalten Decken.
Dazu kommt eine Dichte an byzantinischen und nachbyzantinischen Kirchen, die für eine Stadt dieser Größe erstaunlich ist: Dutzende Gotteshäuser, viele davon kleine einschiffige Basiliken mit Fresken, verteilt über Gassen und Plätze. Man läuft an einer Fassade aus Bruchstein vorbei, sieht durch ein Gitter einen ausgemalten Innenraum und steht plötzlich vor Heiligengesichtern, die seit dem Mittelalter von der Wand blicken.
Die Uferstraße umrundet die gesamte Halbinsel, autoarm und flach, ideal zu Fuß oder per Rad. Auf dem See ziehen Haubentaucher und auch hier Pelikane ihre Bahnen. Abends füllen sich die Kafenia an der Südseite, und wer genau hinhört, hört zwischen Espressotassen noch immer Gespräche über Fellqualitäten.
Bärenland: das Prinzip Hinterland
Die Berge zwischen Kastoria, Prespa und Florina, allen voran Grammos und Vitsi, gehören zu den wichtigsten Rückzugsräumen des Braunbären in Griechenland. Die Tiere leben scheu in den Buchen- und Eichenwäldern, gesehen werden sie selten, ihre Spuren dagegen öfter. Das Hinterland funktioniert hier nach einem eigenen Prinzip: Der Wald hat Vorrang, die Straßen bleiben schmal, die Dörfer klein.
Wer Bären sicher sehen will, fährt ins Bergdorf Nymfaio am Vitsi. Dort betreibt die Naturschutzorganisation Arcturos ein Schutzgehege für Braunbären, die aus Gefangenschaft gerettet wurden und nicht mehr ausgewildert werden können. Der Rundweg führt am Waldgehege entlang, dazu gibt es ein Informationszentrum im Dorf. Nymfaio selbst, ein restauriertes Steindorf auf über 1300 Metern, lohnt den Umweg auch ohne Bären.
Anreise in den stillen Nordwesten
Ausgangspunkt ist fast immer Thessaloniki. Von dort führt die Egnatia-Autobahn nach Westen, bis Kastoria sind es gut zwei Stunden Fahrt, die Prespa-Seen liegen noch einmal eine kurvige Stunde weiter nördlich. Ein Mietwagen ist praktisch Pflicht: Busse fahren zwar bis Kastoria und Florina, aber im Prespa-Becken selbst kommst du ohne Auto kaum von Dorf zu Dorf.
Die Kombination mit anderen Zielen des Nordens liegt nahe. Wer ohnehin im Epirus wandert, erreicht die Region über Bergstraßen von Süden; die Route lässt sich gut mit Zagori und der Vikos-Schlucht verbinden. Auch Meteora liegt auf halbem Weg zurück Richtung Süden.
Beste Zeit zwischen Pelikanen und Schnee
Das Hochbecken hat kontinentales Klima, keine Ägäis-Milde. Frühjahr und Frühsommer sind die beste Zeit für die Vogelwelt, dann brüten die Pelikane und das Schilf ist voller Leben. Der Sommer bleibt auch in der Hitzezeit erträglich, weil die Höhe die Temperaturen dämpft. Der Herbst bringt Nebelmorgen über den Seen und Farbe in die Buchenwälder, der Winter dagegen Schnee und geschlossene Pässe.
Beim Budget hilft die Abgeschiedenheit. Übernachtet wird in Gästehäusern und kleinen Hotels, deren Niveau deutlich unter dem der Inselpreise liegt, gegessen in Tavernen mit Seefisch, Bohnengerichten und lokalem Fleisch. Der größte Posten ist der Mietwagen samt Sprit für die Bergstrecken. Wer eine Woche bleibt, gibt hier spürbar weniger aus als an der Küste, bei vollen Tagen.
Am Abend, zurück am Kleinen Prespa-See, steht das Schilf wieder ruhig. Die Pelikane haben sich auf ihre Schlafplätze verteilt, über Agios Achillios färbt sich der Himmel, irgendwo klappert Geschirr in einer Dorfküche. Man bleibt stehen, länger als geplant. Es gibt hier nichts nachzuholen, und genau darin liegt der Wert dieser Ecke.
Von hier aus weiter
Wie der stille Nordwesten mit dem Rest des Nordens zusammenhängt, zeigt die Übersicht Nordgriechenland. Wanderer lesen danach am besten bei Zagori und der Vikos-Schlucht weiter. Und wer nach so viel Stille doch Strand braucht, findet ihn auf dem ruhigsten Finger von Chalkidiki: Sithonia.
