Am Ende steht ein Baum mit drei bis vier klar erkennbaren Leitästen, einer Mitte, die höher reicht als alles andere, und einer Krone, durch die du von unten den Himmel siehst. Bei einem jungen Baum brauchst du dafür eine gute halbe Stunde. Bei einem älteren, der lange sich selbst überlassen war, planst du einen Nachmittag ein und verteilst die Arbeit auf zwei bis drei Jahre.
Was du dafür brauchst
- eine scharfe Bypass-Handschere für Triebe bis Daumenstärke
- eine Astschere mit langen Griffen für alles darüber
- eine Baumsäge mit grober Zahnung
- Lappen, Drahtbürste und hochprozentigen Alkohol
- feste Handschuhe, bei Arbeiten über Kopf eine Schutzbrille
- eine standsichere Leiter mit breitem Fuß, im Idealfall eine dreibeinige Obstbaumleiter
Zur Sicherheit: Die Leiter steht auf festem, ebenem Boden, niemals gegen einen Ast gelehnt, der nachgibt. Die obersten zwei Sprossen bleiben frei. Müsstest du für einen Ast höher steigen, als dir wohl ist, oder hängen starke Äste über Dach, Zaun oder Leitung, gehört die Krone in die Hände eines Fachbetriebs.
Schritt 1: Zeitfenster nach Baumart und Ziel wählen
Der Winterschnitt in der laublosen Zeit treibt den Baum an. Die Wurzel bleibt gleich groß, versorgt aber weniger Knospen, und der Baum antwortet im Frühjahr mit kräftigem Neuaustrieb. Deshalb ist der Winter die Zeit für Aufbau und Verjüngung, an einem trockenen, frostfreien Tag.
Der Sommerschnitt bremst. Wer nach der Ernte Blattmasse wegnimmt, nimmt dem Baum Fläche zum Einlagern, und das Wachstum beruhigt sich. Bei starkwüchsigen Bäumen ist das genau der Punkt. Steinobst wie Kirsche und Zwetschke schneidest du ohnehin lieber bei warmem, trockenem Wetter nach der Ernte, weil die Wunden dann schneller verschließen.
Schritt 2: Werkzeug schärfen und säubern
Eine stumpfe Klinge quetscht den Trieb, statt ihn zu trennen. Die Bruchstelle franst aus und bleibt lange offen. Zieh die Schneide vorher über den Stein, bis sie mit einem Zug durch einen fingerdicken Trieb geht. Alte Harz- und Rindenreste bürstest du ab, dann wischst du die Klinge mit Alkohol nach. Zwischen zwei Bäumen wiederholst du das, spätestens nachdem du krankes Holz in der Hand hattest.
Schritt 3: Abstand nehmen und die Krone gliedern
Geh drei, vier Schritte zurück und einmal langsam um den Baum herum. Von nah sieht jeder Ast wichtig aus, von weitem erkennst du das Gerüst. Suche die Mitte, also die Verlängerung des Stamms. Suche die drei bis vier Äste, die schräg nach außen davon abgehen und die Krone tragen. Alles andere ist Fruchtholz, Beiwerk oder Ballast. Merk dir zwei, drei Kandidaten, bevor du die Säge anfasst.
Schritt 4: Totes, krankes und kreuzendes Holz entfernen
Totholz erkennst du an grauer, rissiger Rinde, es bricht trocken und riecht nach nichts. Krankes Holz zeigt Verfärbungen, eingesunkene Stellen oder austretendes Harz, hier schneidest du weit ins gesunde Gewebe zurück. Kreuzende Äste scheuern sich bei jedem Windstoß die Rinde auf, einer von beiden muss weg. Nach diesem Durchgang wirkt die Krone oft schon spürbar heller.
Schritt 5: Wassertriebe ansetzen
Wassertriebe schießen senkrecht nach oben, glatt, lang und ohne Blütenknospen. Sie kosten Kraft und tragen nichts. Nimm sie unten am Ansatz ab, nicht auf einen Stummel, sonst stehen im nächsten Jahr drei davon an derselben Stelle. Einzelne, die günstig nach außen zeigen, kannst du flach herunterbinden. Sie beruhigen sich dann und werden mit der Zeit zu Fruchtholz. Steht der Baum voll damit, lässt du einen Teil stehen und holst ihn im Folgejahr.
Schritt 6: Leitäste festlegen und Konkurrenz ableiten
Drei bis vier Leitäste reichen, gleichmäßig um den Stamm verteilt, mit einem Abgangswinkel von etwa 45 bis 60 Grad. Flach abgehende Äste tragen besser als steile. Die Mitte bleibt der höchste Punkt der Krone, alle Leitäste enden darunter. Wächst neben der Mitte ein zweiter Trieb ähnlich stark nach oben, leitest du ihn ab: Du nimmst ihn auf einen schwächeren, nach außen zeigenden Seitentrieb zurück, statt ihn irgendwo waagrecht zu kappen.
Schritt 7: Auf Astring schneiden
Am Ansatz jedes Astes sitzt ein Wulst, der Astring. Dort liegt das Gewebe, das die Wunde überwallt. Setz die Säge dicht daneben an und lass den Wulst stehen. Bündig am Stamm entlang zu schneiden macht die Wunde größer als nötig. Ein Stummel wiederum stirbt ab und wird zur Eintrittsstelle für Pilze.
Schwere Äste nimmst du in drei Schnitten. Erst eine Kerbe von unten, eine Handbreit außerhalb, dann trennst du den Ast weiter außen ab. Zum Schluss folgt der saubere Schnitt am Astring. Ohne die Kerbe reißt das Eigengewicht beim Durchsägen einen langen Rindenstreifen aus dem Stamm.
Schritt 8: Krone prüfen und lieber weniger nehmen
Tritt noch einmal zurück. Als Orientierung gilt: nicht mehr als ein Viertel bis ein Drittel des Kronenvolumens in einem Jahr. Ein Baum, der sich radikal beschnitten fühlt, antwortet mit einem Wald aus Wassertrieben, und du fängst im nächsten Jahr von vorn an. Dünnes Schnittgut wandert gehäckselt auf den Kompost, dickeres bleibt als Reisighaufen in einer ruhigen Ecke liegen.
Häufige Fehler
Der größte Fehler ist die Ungeduld. Wer einen vernachlässigten Baum in einem Winter auf Form bringen will, nimmt ihm die halbe Krone und bekommt Triebe statt Früchte. Zwei bis drei Durchgänge in aufeinanderfolgenden Jahren bringen mehr.
Der zweite Fehler sind Stummel. Ein abgestorbener Zapfen verschließt nie, er fault von innen nach außen und nimmt den Stamm mit.
Schneide außerdem nicht bei starkem Frost. Unter etwa minus fünf Grad wird das Holz spröde, die Schnittflächen splittern und trocknen ein. Und lass großflächigen Wundverschluss weg: Unter dicken Anstrichen bleibt Feuchtigkeit stehen, das Gewebe überwallt eine saubere Schnittfläche an der frischen Luft besser.
Vorher prüfen
- Ist der Tag trocken und frostfrei?
- Passt das Zeitfenster zu Baumart und Ziel, also Aufbau oder Bremsen?
- Sind Schere und Säge scharf, sauber und desinfiziert?
- Steht die Leiter fest, und bleiben die oberen Sprossen frei?
- Weißt du, welche drei bis vier Äste die Leitäste sind?
- Ist geklärt, was in diesem Jahr wegkommt und was bis zum nächsten wartet?
- Hast du einen Platz für das Schnittgut?
Wenn die Säge weggeräumt ist
Wann welcher Handgriff dran ist, sammelt die Übersicht Garten übers Jahr. Wie sich derselbe Gedanke, Kraft dorthin lenken, wo Früchte hängen, im Beet anfühlt, zeigt der Beitrag zum Tomaten ausgeizen. Und was mit dem Schnittgut passiert, klärt der Bereich Kompost und Boden.
