Morgens, kurz nach Öffnung, ist die große Galerie des Louvre für einen Moment fast still. Das Parkett knarrt, ein Wärter rückt eine Absperrung zurecht, und über hunderte Meter reihen sich Gemälde, die man aus Schulbüchern kennt. Zwei Stunden später schiebt sich hier eine Menschenmenge durch, dicht wie in einer U-Bahn-Station. Dieselben Bilder, ein völlig anderer Ort.
Die großen Häuser Europas sind überwältigend, im guten wie im schlechten Sinn. Wer ihren Charakter kennt und sich pro Besuch ein einziges Ankerwerk vornimmt, hat den entscheidenden Vorteil.
Vier Häuser im Vergleich
| Haus | Stadt | Charakter | Ankerwerk |
|---|---|---|---|
| Louvre | Paris | Universalmuseum von der Antike bis ins 19. Jahrhundert, riesig | Die Freiheit führt das Volk, Delacroix |
| Prado | Madrid | Königliche Gemäldesammlung, konzentriert auf Malerei | Las Meninas, Velázquez |
| Uffizien | Florenz | Renaissance am Ort ihrer Entstehung | Die Geburt der Venus, Botticelli |
| KHM | Wien | Habsburgische Sammlung, Prunkbau mit Gemäldegalerie | Jäger im Schnee, Bruegel |
Louvre: das Übermaß annehmen
Der Louvre ist weniger ein Museum als eine Stadt unter einem Dach: Antikensammlungen, orientalische Altertümer, Skulpturen, Gemälde. Der häufigste Fehler ist der Versuch, davon einen Überblick zu bekommen. Den gibt es nicht.
Besser wählt man einen einzigen Flügel und bleibt dort. Als Anker taugt Delacroix' Freiheitsbild besser als die Mona Lisa, vor der sich die Kameras stauen: Es ist groß, kraftvoll und meist gut zugänglich. Wer die frühen Stunden nutzt, bekommt sogar die berühmte Galerie beinahe für sich.
Prado: Malerei in Reinform
Der Prado ist der konzentrierteste der vier. Keine Mumien, kaum Skulpturen, dafür Malerei von einer Dichte, die ihresgleichen sucht: Velázquez, Goya, Tizian, Bosch, El Greco. Das Haus ist überschaubarer als der Louvre, und genau das macht es dankbar.
Der Anker liegt auf der Hand: Las Meninas. Man kann lange vor diesem Bild stehen und immer neue Rätsel finden, den Spiegel im Hintergrund, den Maler im Bild, den Blick der kleinen Infantin. Von dort aus lohnen die dunklen Gemälde Goyas, die einen anderen, verstörenden Ton anschlagen.
Uffizien: Renaissance am Originalschauplatz
Die Uffizien liegen mitten in Florenz, und das ist ihr eigentlicher Trumpf. Die Stadt vor den Fenstern ist dieselbe, in der viele der Bilder entstanden. Der Rundgang folgt weitgehend der Chronologie, man wandert durch die Entwicklung der Malerei wie durch ein aufgeschlagenes Buch.
Der Anker: Botticellis Geburt der Venus. Der Saal ist voll, fast immer, doch das Bild trägt die Konkurrenz. Wer danach Ruhe sucht, findet sie in den Korridoren mit Blick auf den Arno. Für die Uffizien gilt besonders: Zeitfensterticket vorab buchen, sonst beginnt der Besuch mit einer langen Schlange.
KHM: Habsburgs Augenmaß
Das Kunsthistorische Museum in Wien ist das kompakteste der vier großen Häuser und vielleicht das unterschätzteste. Die Gemäldegalerie versammelt, was die Habsburger über Jahrhunderte zusammentrugen: Tizian, Rubens, Vermeer, Velázquez. Und den weltweit größten Bestand an Gemälden Pieter Bruegels des Älteren.
Dort liegt auch der Anker: die Jäger im Schnee. Ein Winterbild, in das man hineinfallen kann, mit Schlittschuhläufern in der Ferne und Hunden mit hängenden Köpfen im Vordergrund. Der Bruegel-Saal allein rechtfertigt die Reise. Danach lohnt die Kuppelhalle mit ihrem Café, eine der schönsten Pausen, die ein Museum zu bieten hat.
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Für alle vier Häuser gilt dasselbe Handwerk: Schwerpunkt setzen, früh kommen, Pausen einplanen. Die Grundlagen dazu stehen im Beitrag Ausstellungsbesuch vorbereiten. Wie man vor dem gewählten Ankerwerk wirklich ankommt, zeigt Kunst betrachten lernen. Alle Beiträge des Themas bündelt die Übersicht Museumsbesuch.
